SpellForce 2: Shadow Wars

Wenn Elfen weinen

Vor 18 Jahren (holy ****) erschien mit SpellForce 2: Shadow Wars eines der besten Rollenspiele aller Zeiten – das behaupte zumindest ich. Mit seiner zeitlosen Grafik, einer tollen Story und dem clever erweiterten Spielprinzip des nicht minder großartigen Vorgängers SpellForce: The Order of Dawn bleibt es bis heute in meiner Hall of Fame der ganz großen Rollenspiele … und Strategiespiele.

Denn die SpellForce-Reihe kombinierte seit jeher das klassische Party-Rollenspiel-Konzept à la Dungeons & Dragons mit Echtzeitstrategie. Statt eine Karte zu erkunden und Quest zu erledigen, erkunden wir eine Karte, erledigen Quests und bauen gleichzeitig eine Basis, um unsere Heldentruppe mit einer schlagkräftigen Armee zu unterstützen. Die Story ist hierbei klassisch episch und schickt uns von einer abwechslungsreichen Welt in die nächste. Wer ein Gefühl dafür bekommen möchte, kann gerne in meine Game-Review zu SpellForce: The Order of Dawn reinschauen.

Dankenswerterweise gab es auch ein paar Quality-of-Life-Verbesserungen, sodass beispielsweise unsere Einheiten beim Kartenwechsel nicht verschwinden und wir so in bereits besuchten Gebieten nicht vor abgegrasten Rohstoffvorkommen stehen – das ist bei endlichen Ressourcen nämlich wirklich ärgerlich. Über Details wie neue Einheiten, Zaubersprüche und einer eigenen Baronie, die wir im Verlauf der Story immer weiter ausbauen, will ich gar nicht von anfangen. Schließlich werde ich hier niemanden mehr dazu bringen, dieses Juwel auszuprobieren, geschweige denn sein Addon. Und ja, es gibt nur Dragon Storm (2007). Die Stand-Alone-Erweiterungen Faith in Destiny (2012) und Demons of the Past (2014) waren eine Frechheit.

Der Score

Wenn mir das schon nicht gelingt, dann möchte ich es doch mit dem Soundtrack versuchen. Ich muss gestehen, dass ich diese Review etwas vor mir hergeschoben habe, da ich wusste, dass sie umfangreicher wird. Deshalb jetzt schnell die hard facts: Der OST erschien unter dem Titel Sounds of the Shadows und umfasst 24 Tracks, was bei einer Mindestlänge von knapp einer Minute und einer Höchstdauer von ca. sieben Minuten zu einer Gesamtlänge von gut einer Stunde führt – sehr schön!

Noch viel schöner, dass diese Stunde qualitativ auf durchgängig sehr hohem Niveau bleibt. Hier gibt es kaum Stücke, die nicht hörenswert sind, alles greift geschickt ineinander. Grund dafür dürften Pierre Langer und Tilman Sillescu vom deutschen Komponistenstudio Dynamedion sein, die auch schon die Scores des Vorgängers und dessen Erweiterungen The Breath of Winter und Shadow of the Phoenix schrieben. Müsste man es labeln, würde es ‚epische Fantasy‘ wohl am besten beschreiben. „Also etwas wie Dragon Age?“ Nicht ganz.“ „Dann Dark Souls?“ Ne gar nicht.“ „Okay, dann eher-“ Lass mich einfach mal erzählen, dann siehst du, was ich meine.

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Wer die Musik der Vorgänger oder der anderen Werke von Dynamedion, allen voran die Anno-Reihe seit Anno 1404, im Ohr hat, wird schnell den bekannten wie hochwertigen Stil der Komposition wiedererkennen, der hier seinen Anfang findet. Aspekte wie das Mittelalterfeeling aus Die Gilde 2 oder dem gerade genannten Anno 1404, gemischt mit Fantasy-Anleihen, die wir auch in Sacred 2: Fallen Angel oder eben SpellForce: The Order of Dawn hören, treffen sich in diesem OST zu einer glorreichen Verschmelzung. Ich würde sogar so weit gehen, dass diese Musikklasse nicht nur dem im selben Jahr erschienenen Gothic 3-Score ebenbürtig ist, sondern an vielen Stellen an die der Kinokompositionen von Howard Shore zur Der Herr der Ringe-Trilogie heranreicht! Große Worte, die ich gelassen ausspreche, aber es stimmt. Es wird natürlich meiner subjektiven Verklärung geschuldet sein, doch hat mich das bisher ja noch nie aufgehalten, Musik über den Klee zu loben, … so let’s begin.

Sound of the Shadows startet mit dem Titellied ShadowsongTilman Sillescu, Pierre Langer5, das mit seinen donnernden Trommeln an die Intros von Gothic 3 und Skyrim erinnert. Schnell wird jedoch der erste große Unterschied deutlich. Wie schon beim Vorgänger (CenwenTilman Sillescu, Pierre LangerSpellForce: The Breath of Winter5) nutzen Langer und Sillescu erneut die Gesangsstimme der Sängerin Talia, die in einer ausgedachten Sprache eine elfengleiche Balladen trällert. Das kann man (wie ich damals) schön oder (wie ich heute) kitschig finden, es funktioniert allerdings wie schon bei Dragon Age: Origins gut. Und für Nicht-Fans gibts immerhin eine instrumentale Version.

Zusätzlich dazu enthält der Track auch ein Leitmotiv, das sich durch die gesamte Komposition zieht. Dass das hilft, dem Soundtrack eine eigene Identität zu verleihen, habe ich zwar schon diverse Male breitgetreten, werde indes nicht müde, es trotzdem zu tun. Es zeigt gleichzeitig schön anschaulich den Kontrast zum Score des Vorgängers, der zwar auch sehr gut war, gleichwohl mangels Hauptmotivs unzusammenhängender und ‚beliebiger‘ wirkt. Durch diese thematische Klammer schafft die Musik von SpellForce 2 dagegen den Sprung aufs Meistertreppchen, um sich mit den ganz Großen zu messen.

So sind beispielsweise die Kampftracks durch die Bank hervorragend gelungen: Sei es das dramatische The ShaikanTilman Sillescu, Pierre Langer5, dessen Vocals titanhafte Schlachten verheißen. Das unbändige Attack of the NightbladesTilman Sillescu, Pierre Langer5, dessen Bläser operngleich von Heroik zeugen. Oder The RealmTilman Sillescu, Pierre Langer5, das mit seinen Streichern einem wütenden Wespenschwarm gleich umherjagt und es nicht umsonst in meine Top 50 der besten Kampftracks geschafft hat.

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Generell ist die Orchestrierung meisterlich, wenngleich mit ihrer Auswahl an Streichern, Bläsern und Harfen etwas stereotyp Mittelalter-Fantasy. Kann mir egal sein, wenn ich dafür so erhabene Stücke wie das an Anno erinnernde HawkeyrieTilman Sillescu, Pierre Langer5 bekomme. FreedomTilman Sillescu, Pierre Langer5 macht seinem Titel hingegen alle Ehre und ergründet die Dualität der namensgebenden Freiheit in einem Zusammenspiel aus Bläsern und Streicher: Von der beklemmenden Ungewissheit bis zur berauschenden Befreiung schwebt der Track über die Weite, leicht und zur selben Zeit doch schwer. Dem Theme zum Reitervolk Rohan aus Der Herr der Ringe nicht unähnlich, ist dieser Track eine zu Tränen rührende Weise, so schön, so bewegend.

Im direkten Kontrast dazu stehen die klischeehaften Schurkenstücke wie die düster diabolischen Tracks SorvinaTilman Sillescu, Pierre Langer5 und Dragh LurTilman Sillescu, Pierre Langer5 oder die tumb tribalhaften Ork-Themes KarashTilman Sillescu, Pierre Langer5 und The Clans!Tilman Sillescu, Pierre Langer5, in dem wir fast schon sehen, wie die Kreaturen der Dunkelheit um ein Lagerfeuer tanzen. Auch The Mines of UnderhallTilman Sillescu, Pierre Langer4 kommt mit seinen Hammerschlägen schön zwergig daher, während FireforgeTilman Sillescu, Pierre Langer4 wie aus einem klassischen Action-Adventure entliehen klingt – verspielt und gleichsam dramatisch.

Bevor ich nun zu meinen Favoriten des Scores komme, ein kurzes Wort zu OblivionTilman Sillescu, Pierre Langer5, das auf keinen Fall in Vergessenheit geraten soll sowie ShadowplainsTilman Sillescu, Pierre Langer4 und DesolationTilman Sillescu, Pierre Langer5. Das Erste ist ein Track zum Genießen, der mit seinem wogenden Rhythmus etwas Beruhigendes wie Aufwühlendes hat. Der Zweite klingt dagegen eher nach klassischer Musik und erinnert mit seinen wuchtigen Bläsern an etwas, das man eher bei Beethoven statt Bytes vermuten würde. DesolationTilman Sillescu, Pierre Langer5 als dritter im Bunde ist schon wieder anders unterwegs. Zunächst stürmisch kriecht es später einer Schlange gleich über den Boden und reckt sich hie und da auf, fast schon neugierig, bevor es sich am Ende in einer traumhaften Symphonie entlädt. Bitte dranbleiben!

Nun aber zu meinen Highlights: Plains of ChaosTilman Sillescu, Pierre Langer4 und Dun MoraTilman Sillescu, Pierre Langer5. Beide erreichen für mich ein Level, das mit dem eines Howard Shores zu vergleichen ist – für mich eines der höchsten Komplimente im Soundtrack-Genre. Manche mögen das anders sehen, mir egal. Plains of ChaosTilman Sillescu, Pierre Langer4 ist hierbei noch der ‚schwächere‘ der beiden Vertreter und kommt tatsächlich auch nur auf ein 4er-Rating, dennoch bewegt mich der Walzer-esque Charakter jedes Mal. Ich mag diese Vielseitigkeit, diese Vielschichtigkeit, die aus einem einzelnen Stück eine Reise, ein Erlebnis macht. Während wir zu Beginn denken, dass uns das nächste Epos ins Haus steht, zeichnen Langer und Sillescu ein paar Sekunden weiter schon das Bild einer unberührten Landschaft. Die besungenen Ebenen sind wahrlich im Chaos, in einem musikalischen Strudel, der Abwechslung und Wandel verheißt.

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Absolutes Spitzenstück von SpellForce 2: Shadow Wars ist aber Dun MoraTilman Sillescu, Pierre Langer5. Ohne die ganze Story des Spiels aufdröseln zu wollen, komme ich nicht umhin, das Setting für diesen Track zu erklären: Auf unserer Reise durch die Welt von Eo müssen wir die Völker des Lichts vereinen, um den Pakt der Dunkelheit zu bekämpfen. Der klassische Kampf also, Gut gegen Böse. Dafür klappern wir die unterschiedlichen Völker ab und sichern uns so die Allianz der Menschen und Zwerge. Dafür teleportieren wir uns durch die Weltgeschichte. Nachdem wir die Magie des Portals, das zu dem Elfenstamm der Morhir im Sumpf von Dun Mora führt, wiedererweckt haben, blicken wir also auf einen Ladebildschirm – und hören dieses Lied.

Wie das Tropfen von Tau auf ein Blatt erklingt eine Tonleiter, gespielt auf der Harfe, bevor eine getragene Violine sich mühselig erhebt. Wie beim Durchschreiten des Morastes scheint das Stück träge, bedrückend und behäbig. Doch schnell lichtet sich die Dunkelheit und gibt den Blick frei auf eine im wahrsten Sinne traumhafte Szenerie. Denn die Morhir werden von Dämonen geplagt, die sich an ihrem unsterblichen Blut laben und ihre Lethargie und Trauer speisen. Davon zeugt auch Dun MoraTilman Sillescu, Pierre Langer5. Es wirkt grässlich bedrückend und doch wunderschön. Es erinnert dabei an The Grey Havens aus Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs, und während uns langsam die ersten Tränen über die Wange gleiten, denken wir an Gandalfs Worte:

Ich will nicht sagen: weinet nicht; denn nicht alle Tränen sind von Übel.

Gandalf der Weiße, Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs

Dieser Track hat etwas Kathartisches, Befreiendes. Er sagt, dass das Fehlen von Licht nicht zwangsläufig Dunkelheit bedeutet und jeder Trauer auch etwas Schönes vorherging.

Auch ohne SpellForce 2 gespielt zu haben, wird man diesem Score nicht seine Schönheit absprechen können. Seine Kitschigkeit vermutlich auch nicht, aber Kitsch kann ja auch schön sein. Wer eine noch tiefergehende Analyse des Scores sucht, wird übrigens in dieser englischsprachigen Review vom Nutzer Simon fündig.

01
Shadowsong
Tilman Sillescu, Pierre Langer
5 03:21
02
Hawkeyrie
Tilman Sillescu, Pierre Langer
5 01:19
03
Freedom
Tilman Sillescu, Pierre Langer
5 06:27
04
Sorvina
Tilman Sillescu, Pierre Langer
5 01:07
05
Karash
Tilman Sillescu, Pierre Langer
5 01:10
06
Plains of Chaos
Tilman Sillescu, Pierre Langer
4 07:05
07
Dun Mora
Tilman Sillescu, Pierre Langer
5 02:30
08
Oblivion
Tilman Sillescu, Pierre Langer
5 06:06
09
The Mines of Underhall
Tilman Sillescu, Pierre Langer
4 01:08
10
The Shaikan
Tilman Sillescu, Pierre Langer
5 04:02
11
The Realm
Tilman Sillescu, Pierre Langer
5 02:01
12
Sevencastles
Tilman Sillescu, Pierre Langer
4 01:25
13
Shadowplains
Tilman Sillescu, Pierre Langer
4 06:05
14
Fireforge
Tilman Sillescu, Pierre Langer
4 01:10
15
The Clans!
Tilman Sillescu, Pierre Langer
5 01:45
16
Dragh Lur
Tilman Sillescu, Pierre Langer
5 01:05
17
Attack of the Nightblades
Tilman Sillescu, Pierre Langer
5 02:18
18
Desolation
Tilman Sillescu, Pierre Langer
5 04:31
19
Dun Mora [Instrumental]
Tilman Sillescu, Pierre Langer
4 02:30
20
Shadowsong [Instrumental]
Tilman Sillescu, Pierre Langer
4 03:22
21
Uram Gor [Bonus]
Tilman Sillescu, Pierre Langer
3 02:42
22
Un'Shallach [Bonus]
Tilman Sillescu, Pierre Langer
4 02:18
23
The Magnet Stones [Bonus]
Tilman Sillescu, Pierre Langer
3 01:23
24
The Crystal Fields [Bonus]
Tilman Sillescu, Pierre Langer
3 02:34

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