Pillars of Eternity

Klasse Klassik

„Pillars of Eternity“ ließe sich am ehesten mit „Säulen der Ewigkeit“ ins Deutsche übertragen. Das wäre vermutlich die präferierte Option der Entwickler*innen von Obsidian Entertainment (Star Wars: Knights of the Old Republic II: The Sith Lords, Neverwinter Nights 2, The Outer Worlds). Man kann es allerdings auch mit der Option „Pfosten der Unendlichkeit“ gehen, die ich persönlich sehr viel lustiger finde.

Worüber sich mit Blick auf die Übersetzung wenig gestritten werden dürfte, ist die Einteilung des Spiels von 2015 in das Genre des CRPG, also Computer Role Playing Game. Denn Pillars of Eternity (oder PoE) steht ganz im Zeichen von Rollenspiel-Urgesteinen wie den Baldur’s Gates und Fallouts der 90er-Jahre und fußt auf den Spielmechaniken eines Pen & Paper-Regelwerks, wie es für Spiele dieser Art üblich ist. Für uns als Spieler*innen bedeutet das die drei großen Ds: Draufsicht, Dialoge und Dungeons & Dragons – zumindest vom Spielprinzip her.

Ich muss gestehen, dass mich das Spiel zu einer Zeit erreicht hat, in der ich für diese klassische Form des Rollenspiels nicht bereit war. Zwar hatte ein Freund versucht, mich an den Koop vom 2018er Divinity: Original Sin II zu führen, aber selbst das war mir zu altbacken – wie sinnvoll so ein Spiel im Koop ist, sei mal dahingestellt. Ob mich das hochgelobte Pillars of Eternity heute, acht Jahre und ein herausragendes Baldur’s Gate 3 später, noch begeistern könnte? Ich weiß es nicht und werde es vermutlich auch in diesem Leben nicht mehr herausfinden.

Der Score

Dafür habe ich mich in den dazugehörigen Soundtrack verliebt, der als OST mit 26 und einer Deluxe Edition mit insgesamt 61 Tracks daherkommt. Hier muss allerdings klargestellt werden, dass 19 dieser Stücke aus der Erweiterung The White March stammen, entsprechend habe ich sie hier ausgegliedert. Verantwortlich für die Komposition zeichnet Justin E. Bell, der sich bei Obsidian von 2010 bis 2021 vom Sound Designer zum Studio Audio Director hochgearbeitet und unter anderem auch die Scores für den Nachfolger Pillars of Eternity II: Deadfire und The Outer Worlds komponiert hat. Pillars of Eternity war hierbei seine erste, vollständig eigene Komposition.

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Heraushören tut man das nicht – im Gegenteil! Obgleich der Score für das ungeübte Ohr nach der üblichen Fantasy-Kost klingen mag, sehe ich das Gefühl von Behaglichkeit und Old-School-Charme als überaus gelungen an. Bell gelingt es, die Assoziation von qualitativ hochwertiger Klassik, von den (musikalischen) Größen von damals zu erzeugen, ohne auf die Nostalgieschiene aufzuspringen oder es uns zu sehr unter die Nase zu reiben.

Dies ist zu einem nicht unwesentlichen Teil der Tatsache geschuldet, dass die Stücke vom Budapest Art Orchestra, also einem echten Orchester eingespielt wurden. Schon Gothic 3 hat 2006 gezeigt: Echte Musiker*innen klingen einfach besser. Das kann vermutlich jede*r bezeugen, der/die mal bei Magic Music Maker oder vergleichbaren Tools eigene Stücke zusammengebastelt hat … knallt halt einfach nicht so.

Aber das sind nur die Rahmenbedingungen, die Bells Komposition in die Notenblätter spielen. Vielmehr ist es die vermeintliche Nähe zu anderen Videospielgrößen, die Teile des Scores bei mir suggerieren. Wo fange ich an? Da wäre zum Beispiel Defiance BayJustin E. Bell3, das nur in ein paar Noten von Minstrel’s Lament aus The Elder Scrolls IV: Oblivion entfernt scheint. Auch Ondras GiftJustin E. Bell4 geht etwas in Richtung des Online-Ablegers The Elder Scrolls: Online, und WoedicaJustin E. Bell4 vermengt die Oblivion-Formel mit Fable.

In anderen Tracks fühlen wir Spuren anderer Fantasy-Kollegen: The Harbingers DoomJustin E. Bell3 lässt uns an die Leinwand-Schurken der 30er-Jahre zurückdenken und geht, wie auch Crashed Upon the ShieldJustin E. Bell4, damit in Richtung von Kingdoms of Amalur. Shadow of the SunJustin E. Bell4 tendiert mit seinem Glockenspiel dagegen eher in Richtung der ersten Harry Potter-Streifen, und Dryford hat sogar eine Spur Star Wars – John Williams im Doppelpack.

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Die größte Nähe weist der Score indes zu meinem persönlichen Liebling, der SpellForce-Reihe auf; genauer gesagt zu SpellForce 2, das seinerseits stark an Howard Shores Musik gewordenes Manifest, der Herr der Ringe-Reihe, angelehnt ist. Beispiele hierfür sind unter anderem das Main Theme EoraJustin E. Bell5, die eher ruhigeren / entspannenden Gilded ValeJustin E. Bell4 und Caed NuaJustin E. Bell4 sowie das düstere The Old WatcherJustin E. Bell3.

Nun könnte man Bells Album als billige Kopie abtun, doch würde dies der Komposition nicht gerecht. Mal dahingestellt, dass die oben genannten Beispiele wirklich als Vorbilder dienten, ist mir gut gestohlen immer lieber als schlecht selbstgemacht. Und zum anderen lebt die Kunst von Inspiration, also was kritisiere ich hier eigentlich?

„Nichts“, ist die Antwort, die ich darauf geben möchte. Mir gefällt das, was Bell für Pillars of Eternity geschaffen hat, ausnehmend gut. Die gefühlvollen Streicher (Burial IsleJustin E. Bell4), die kräftigen (Their Hearts Grew BoldJustin E. Bell3) und freudigen Bläser (EncampmentJustin E. Bell4), Akzente wie das Glockenspiel (OldsongJustin E. Bell3) oder das fast schon barocke Gitarrenspiel in The Lover Cried OutJustin E. Bell4 – das alles funktioniert hervorragend. Kurzer Notiz: Dem Pillars of Eternity-Wiki zufolge ist das zuletzt genannte Tavernenstück The Lover Cried OutJustin E. Bell4 eine Improvisation auf Basis des Transkriptes eines barocken Komponisten. Ich will mich nicht selber loben, aber ich werde besser bei den Zuordnungen.

Trotzdem kann ich den Score nicht ganz ohne Tadel entlassen. Denn auch wenn der Tenor sehr häufig in Richtung des Grandeurs eines SpellForce geht, ‚knallt‘ der Soundtrack nicht so sehr. Die Kampftracks sind dabei die größte ‚Schwachstelle‘ – zumindest, wenn es nach dem Komponisten geht. Dem Wiki zufolge sagte Bell in einem Twitch-Stream, die Kampfmusik sei nicht dynamisch genug und könne nur an- und ausgeschalt werden.

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[…] die Kampfmusik wurde dadurch zu repetitiv – vor allem im Vergleich zu modernen Methoden der Implementierung von Musik für Kämpfe. Er sagte, dass dies hauptsächlich auf einen Mangel an Erfahrung mit der Skripterstellung von Audio in der Unity-Engine zurückzuführen sei und dass er, wenn er es noch einmal machen würde, mehr Nuancen und Reaktivität in die Musik einbauen oder zumindest sicherstellen würde, dass die Musik nicht jedes Mal an der gleichen Stelle beginnt.

Diese Kritik kann ich als Nichtspieler entsprechend nicht wirklich nachvollziehen, weiß aber um die Wirkung von responsiver Audio-/Musikgestaltung.

Was mir hingegen beim Hören des Albums auffiel, ist die Tatsache, dass die Kampftracks zum Teil etwas flach wirken, so wie wenn man den Bass am Lautsprecher abdreht. Ich glaube, dass hier noch mehr Wumms drin gewesen wäre … und trotzdem stört es mich eigentlich nicht. Zum einen, weil sie damit die oben benannte Old-School-Ästhetik befeuern. Zum anderen, weil Stücke wie Their Hearts Grew BoldJustin E. Bell3, The Dragon Thrashed and WailedJustin E. Bell5 oder The Watcher PrevailsJustin E. Bell5 einfach fantastisch, dramatisch und hinreißend sind und beispielsweise Actiontracks aus Ori and the Will of the Wisps Konkurrenz machen, ohne auf deren In-Your-Face-Drama angewiesen zu sein.

Als letzter Punkt sei noch die Deluxe Edition genannt. Die kommt abzüglich der 19 Stücke aus der The White March-Erweiterung auf insgesamt 42 Titel, davon sind jedoch sieben sehr kurz geraten und zum Teil im Stinger-Bereich angesiedelt (GlanfathansJustin E. Bell2, Shock and AweJustin E. Bell1). Umgekehrt ist das sehr schöne The Watcher PrevailsJustin E. Bell5 Teil der Sammlung, also wieder ein Kritikpunkt ausgeräumt. Bleibt mir nur noch eine vollumfängliche Empfehlung auszusprechen und viel Spaß beim Genießen zu wünschen!

01
Eora
Justin E. Bell
5 02:29
02
Encampment
Justin E. Bell
4 02:34
03
The Harbingers Doom
Justin E. Bell
3 01:04
04
Dyrwood
Justin E. Bell
4 04:26
05
Gilded Vale
Justin E. Bell
4 03:15
06
The Lover Cried Out
Justin E. Bell
4 02:21
07
Skean
Justin E. Bell
3 04:08
08
Oldsong
Justin E. Bell
3 03:40
09
Their Hearts Grew Bold
Justin E. Bell
3 01:46
10
Defiance Bay
Justin E. Bell
3 03:10
11
The Fox and the Farmer
Justin E. Bell
4 01:11
12
Ondras Gift
Justin E. Bell
4 04:34
13
Brackenbury
Justin E. Bell
2 01:48
14
Crashed Upon the Shield
Justin E. Bell
4 01:00
15
Dyrford
Justin E. Bell
5 04:35
16
Woedica
Justin E. Bell
4 01:59
17
Twin Elms
Justin E. Bell
4 04:40
18
Elmshore
Justin E. Bell
4 02:32
19
Burial Isle
Justin E. Bell
4 01:50
20
The Dragon Thrashed and Wailed
Justin E. Bell
5 01:50
21
Shadow of the Sun
Justin E. Bell
4 01:47
22
Engwith
Justin E. Bell
2 05:24
23
The Endless Paths I
Justin E. Bell
2 02:32
24
The Endless Paths II
Justin E. Bell
3 02:33
25
Come Soft Winds of Death
Justin E. Bell
4 01:27
26
Road to Eternity (Ending Credits)
Justin E. Bell
3 05:29
27
A New Act
Justin E. Bell
3 01:04
28
Ambush!
Justin E. Bell
3 00:43
29
Caed Nua
Justin E. Bell
4 01:58
30
Character Creation
Justin E. Bell
4 09:50
31
Glanfathans
Justin E. Bell
2 00:19
32
Heritage Hill
Justin E. Bell
3 03:04
33
Leaden Key
Justin E. Bell
3 00:21
34
Riot at Defiance Bay
Justin E. Bell
3 00:58
35
Shock and Awe
Justin E. Bell
1 00:06
36
Thaos
Justin E. Bell
3 01:13
37
The Old Watcher
Justin E. Bell
3 02:06
38
The Soul Machine
Justin E. Bell
2 00:29
39
The Watcher Prevails
Justin E. Bell
5 04:05
40
Victory
Justin E. Bell
3 00:25
41
Waidwen's Legacy
Justin E. Bell
3 01:03
42
Welcome to Eora
Justin E. Bell
3 00:25

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