Mirror’s Edge

Cover

Mirror’s Edge

Komponist*in: Magnus Birgersson

3,5 / 5
Nostalgiebonus
27. April 2026

Ein weiterer Triumph

Was haben Portal und Mirror’s Edge gemeinsam? Auf den ersten, oberflächlichen Blick haben sie gar nicht so viel. Während wir uns in Valves Puzzle-Abenteuer durch die unterirdischen Testkammern des Aperture Science Enrichment Centers rätseln und dabei von einer sadistischen KI gepiesackt werden, laufen, springen und rutschen wir in EAs Parcours-Simulator über Dächer und durch die Kanalisation einer Stadt der nahen Zukunft. Einzige Begleiter sind dabei unser Funkkontakt Merc bzw. unsere Schwester Kate, mit denen wir via Knopf im Ohr verbunden sind, sowie das Schnaufen der Protagonistin Faith, die wir verkörpern.

Obwohl es auf dem Papier zwei vollkommen unterschiedliche Spiele sind, offenbart ein Blick hinter die Fassade deutliche Parallelen. Beide Spiele erschienen Ende der 2000er-Jahre und beide sehen dank ihrer Clean Aesthetic und des Corporate Minimalism heute noch beeindruckend aus – und in beiden steuern wir eine Protagonistin! Zudem sind Portal und Mirror’s Edge narrative Puzzlespiele: Während uns das eine mittels Portalkanone dazu zwingt, geschickt durch Testkammern zu navigieren, müssen wir beim anderen die Umgebung analysieren und unsere Route planen. Keines der Spiele belohnt uns unmittelbar. Vielmehr sind es der eigene Triumph über die Unwägbarkeiten und der Flow, in den wir geraten. Dieser Flow wird in Mirror’s Edge durch einen anhaltenden Sprint sogar visuell unterstrichen.

Einen deutlichen Unterschied gibt es derweil bei den Nachfolgern. Während Portal 2 für mich eines der besten Spiele aller Zeiten darstellt, war Mirror’s Edge Catalyst von 2016 eine herbe Enttäuschung. Auf dem Höhepunkt des Open-World-Hypes konnten wir die City of Glass (auf Deutsch schlicht „Glass“) freier erkunden. Das passte zwar perfekt zum Parcours-Gedanken der Serie, nur leider führte Entwickler DICE gleichzeitig ein Erfahrungssystem ein. So musste Faith Fähigkeiten, die sie im Vorgänger bereits beherrschte – wie den Wallrun oder das Schwingen an Rohren – erst mühsam freischalten. Gepaart mit dem stärkeren Fokus auf die Kämpfe war Catalyst in fast allen Belangen – die Story vielleicht ausgenommen – schwächer als das erste Mirror’s Edge. Das wiederum lässt sich auch heute noch wunderbar genießen.

Der Score

Wegen all dieser Aspekte gelten Valves und EAs Serienauftakte als Meilensteine der Videospielgeschichte und Kritikerlieblinge. Doch da enden die Ähnlichkeiten nicht, denn beide Spiele haben einen Soundtrack, der für sich genommen recht belanglos wäre, gäbe es nicht das gleichnamige Credit-Theme. Im Track Still AliveJonathan CoultonPortal5 aus dem Portal-Album – das trotz seines Antichamber-Ambient-Charakters von mir eine wohlwollende 1,5 erhielt – wird unser Fluchtversuch von der KI GLaDOS in einer Ode verspottet. Ein herrlicher Bruch mit den Erwartungen, der viele Spielende und mich damals begeisterte und den Track in meine dritte Toptracks-Liste beförderte. Still AliveLisa MiskovskyMirror’s Edge5 aus Mirror’s Edge war hingegen Teil meiner allerersten Toptracks-Liste und ist bis heute einer meiner Favoriten, wenn es darum geht, wie gefühlvoll Videospiel-Scores sein können.

Bevor wir uns diesem Highlight widmen, möchte ich aber zunächst erzählen, was das eigentliche Album zu bieten hat. Als Original Soundtrack umfasst es insgesamt zwölf Stücke des schwedischen Elektrokünstlers Magnus Birgersson, dessen Pseudonym Solar Fields weitaus bekannter ist. Wo Still AliveLisa MiskovskyMirror’s Edge5 und dessen Instrumentalversion den Abspann untermalen, stehen die Namen der restlichen zehn Stücke wie JacknifeSolar Fields, Magnus BirgerssonMirror’s Edge3, HeatSolar Fields, Magnus BirgerssonMirror’s Edge3 oder New EdenSolar Fields, Magnus BirgerssonMirror’s Edge3 für die Kapitel des Spiels. Dass es pro Level somit nur einen Song gibt, fällt derweil kaum ins Gewicht. Für die Veröffentlichung wurden anscheinend die unterschiedlichen Stimmungen (Action vs. Erkundung) zu etwa sieben Minuten langen Titeln zusammengefasst.

In diesen harmonieren optimistische Elektrosounds mit der Helligkeit und Weite der Spielwelt. Der Spirit der identitätslosen weißen Stadt, deren rote Akzente umso deutlicher strahlen, wird durch das pulsierende Treiben des Soundtracks optimal unterstützt. Besonders gelungen ist der Einstieg (IntroductionSolar Fields, Magnus BirgerssonMirror’s Edge3), der das Leitmotiv einführt und mich stellenweise an die Superheldenserie Heroes erinnert. Diese entspannte Freiheit wird nur beim Auftauchen unserer Häscher gestört. Dann setzen treibende Beats und wummernde Bässe ein, die für einen ordentlichen Adrenalinkick sorgen.

Den starken Kontrast zwischen diesen Gegensätzen, dem befreiten Parkouren und der gehetzten Flucht, verbindet der Komponist durch gekonnte Übergänge hervorragend. Anders als bei vielen anderen Scores ist der Wechsel zwischen den Stimmungen hier sehr harmonisch und weniger abrupt. Gerade noch in uns ruhend, müssen wir plötzlich von 100 auf 200 hochschalten. In seiner Rezension „Keep Faith: the music of ‘Mirror’s Edge’“ für Audioxide beschreibt Frederick O’Brien dieses Phänomen passend als „fluidity“ – was sich am besten mit „Flüssigkeit“ oder im modernen Sprachgebrauch als „Flow“ übersetzen lässt.

Die Entscheidung, diese Gegensätze in den jeweiligen Tracks zu vereinen, macht mir die Arbeit als Rezensent deutlich schwerer. Der Kontrast zwischen ruhigen (RopeburnSolar Fields, Magnus BirgerssonMirror’s Edge3) bis mittelaufdringlichen (ShardSolar Fields, Magnus BirgerssonMirror’s Edge3) Ambientklängen und dramatisch rasanter Technountermalung ist so stark, dass sich beides kaum gleichzeitig beurteilen lässt. Daher landen ausnahmslos alle Map-Titel in meinem Bewertungsmittelfeld; ich könnte nicht sagen, welche Variante mir besser gefällt.

Den größten Unterschied hören wir jedoch in der zuvor erwähnten Abschlusshymne Still AliveLisa MiskovskyMirror’s Edge5, die von Rami Yacoub und Arnthor Birgisson komponiert wurde. Es erklingt die Melodie, die uns seit der IntroductionSolar Fields, Magnus BirgerssonMirror’s Edge3 begleitet, dieses Mal jedoch auf dem Klavier gespielt. Zum Novum des klassischen Instruments gesellt sich eine weitere Neuerung: eine Stimme, die aus der Uniformität der elektronischen Klänge ausbricht. Sie gehört der schwedischen Sängerin Lisa Miskovsky, die in einer berührenden Ballade die Erlebnisse der Protagonistin Faith besingt. Der Text ist bemüht tiefsinnig, das Gefühl gewollt pathetisch – und trotzdem zieht dieser Song bei mir.

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Fazit

Als ich Mirror’s Edge 2008 zum ersten Mal durchgespielt hatte und die Credits liefen, war ich aufgewühlt und bewegt. Ich hatte ein Meisterwerk erlebt und zur Belohnung lief Still AliveLisa MiskovskyMirror’s Edge5. Als Hymne meiner Unbeugsamkeit und des Kampfes gegen ein System besang sie das Ende meines Abenteuers. Es war wunderbar. Es war kitschig. Und es war ein wenig wie damals, als GLaDOS am Ende von Portal meinen vermeintlichen Sieg mit Spott überzog: der gleiche Trick, das gleiche Prinzip – und trotzdem irgendwie einzigartig. Ich glaube, ich habe geweint.

Bei heutigen Spielern werden weder das Spiel noch der Score jenen Wow-Effekt auslösen können, den ich damals erlebt habe. Dennoch dürfte der Score Fans elektronischer Musik vollauf zufriedenstellen. Für mich bleibt er derweil eine Erinnerung an damals. Eine schöne Reminiszenz an das, was ich erlebt habe – und daran, dass ich immer noch lebe. Das ist ja auch nicht selbstverständlich.

01
Introduction
Solar Fields, Magnus Birgersson
3 05:34
02
Edge Flight
Solar Fields, Magnus Birgersson
3 06:55
03
Jacknife
Solar Fields, Magnus Birgersson
3 06:25
04
Heat
Solar Fields, Magnus Birgersson
3 07:01
05
Ropeburn
Solar Fields, Magnus Birgersson
3 07:15
06
New Eden
Solar Fields, Magnus Birgersson
3 07:52
07
Pirandello Kruger
Solar Fields, Magnus Birgersson
3 07:08
08
Boat
Solar Fields, Magnus Birgersson
3 07:30
09
Kate
Solar Fields, Magnus Birgersson
3 07:13
10
Shard
Solar Fields, Magnus Birgersson
3 07:16
11
Still Alive
Lisa Miskovsky
5 04:34
12
Still Alive [Instrumental]
Lisa Miskovsky
4 04:29

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