World of Warcraft

Cover

World of Warcraft

Komponist*in: Jason Hayes

3,5 / 5
Nostalgiebonus

Standardware mit Glanzmomenten

Wenn heute jemand über Videospiele redet, wird er nicht um Games wie Minecraft, GTA, Call of Duty oder natürlich Fortnite kommen. Selbst beim hinterletzten Internetnutzer unter 80 wird diese Wortansammlung eine vage Verbindung zum digitalen Entertainment hervorbringen – sei es aufgrund der Werbung, diverser politischer Diskussionen Marke ‚Killerspiele‘ oder Bekannten, die selber zocken. Für all das stand (und steht zum Teil immer noch) World of Warcraft. Kaum ein anderes Game wurde Teil von so zahlreichen Studien und Debatten, hat dermaßen polarisiert und zumindest damals Fans wie Kritiker in unüberwindbare Lager gepfercht.

So war das, als WoW 2004 an den Start ging und sich innerhalb von wenigen Monaten zum MMORPG-Massenphänomen mauserte – und ich war so gallig darauf. Der Gedanke, online mit anderen Menschen ein Spiel zocken zu können – quasi Koop mit hunderten Gleichgesinnten zu spielen – war wie ein Traum. Und das sollte es für mich mangels Internetzugang auch sehr lange bleiben. Meinen Kick konnte ich mir zu der Zeit nur bei meinem Kumpel Paul abholen, bei dem ich, nachdem er ins Bett gegangen war (meist so gegen 2 Uhr wohlgemerkt), bis in die Morgenstunden gezockt habe. Im Grunde hat er ein Internetcafé in seinem Schlafzimmer betrieben, mit mir als einzigem, nicht zahlenden Kunden.

Wie World of Warcraft waren wir Pioniere, die irgendwie versucht haben, ein System zu entwickeln, bei dem jeder zufrieden nach Hause geht. Neue Systeme und zahlende Kunden sind derweil gute Stichworte, denn der Gedanke, durch ein Abo monatlich fürs Zocken zu blechen, war für mich als Knauser auch der Grund, warum ich später dann trotz heimischer Datenautobahn nie aufgefahren bin. Andere Free-to-Play-Substitute wie Runes of Magic, Florensia und Der Herr der Ringe Online konnten mich aufgrund der Bezahlschranke nie wirklich beglücken. Und selbst bei Vollpreis-Konkurrent Guild Wars 2 war für mich verhältnismäßig schnell die Luft raus.

Als WoW dann ebenfalls auf Free-to-Play umstellte und ich meinen untoten Schurken in kürzester Zeit auf Level 110 hochgelevelt hatte, begriff ich endlich, warum es vorher nicht geklickt hatte: ich mag einfach keine MMOs. Bei aller Suchtanfälligkeit meinerseits war der Reiz bei World of Warcraft das Novum des Onlinespielens, der digitalen Gemeinschaft. Fernab dessen hatte ich nie Lust, in mühevollem Grind die beste Ausrüstung zu erarbeiten oder durch martialisches Training in der Arena dem PvP zu frönen. Dieser Gedanke, nie der Beste, nie der Auserwählte zu sein – die Quintessenz der meisten Videospiele – fehlte mir einfach.

Insofern bin ich froh, dass mir zumindest dieser Teil des Millenial-Nerd-Bingos erspart blieb, auch wenn ich sonst alle Boxen mit an Selbstgeißelung grenzender Treffsicherheit abgehakt habe. Nein, ich kann behaupten, dass ich erfolgreich um den Sog der blizzardschen Gelddruckmaschine lavieren konnte. Gleichsam fehlt mir natürlich dadurch die emotionale Verbindung zum Soundtrack, um den es in dieser Review eigentlich gehen sollte.

Der Score

Selbiger stammt von Jason Hayes, der als Komponist bitte nicht mit dem gleichnamigen Charakter aus der Serie SEAL Team zu verwechseln ist. Aber auch wenn es für den Komponisten Hayes nicht zum Actionhelden gereicht hat, sollte er zumindest im Bereich Spielemusik einen gewissen Legendenstatus besitzen – oder um es mit MMO-Termini zu verpacken: er ist eine Instanz, was die Blizzard-Scores angeht. Denn er war zuvor nicht nur schon an Warcraft III: Reign of Chaos beteiligt, sondern hat später an StarCraft, diversen WoW-Addons und Dota 2 mitgewirkt. Fehlt eigentlich nur noch Diablo, um die Reihe zu komplettieren. Egal.

Ein Schwergewicht also, das hier federführend die musikalische Ausrichtung einer ganzen Serie begründet hat. In einer Reihe, die Stand heute neun Erweiterungen, Spin-Offs wie Hearthstone oder Heroes of the Storm sowie einen Kinofilm umfasst, kommt der 30 Tracks lange OST vergleichsweise überschaubar daher. Jedoch setzt er den cineastischen Ton der Marke, oder überführt ihn zumindest aus Warcraft III ins Genre der Online-Rollenspiele. Doch dazu gleich.

Zunächst kann man dem WoW-OST attestieren, dass er über weite Strecken durchschnittlich ist. Das liegt zum Großteil daran, weil er als Hintergrundberieselung für die verschiedenen Gebiete und Orte konzipiert wurde. Nettes, unaufgeregtes Gedudel, das Regionen wie dem Stranglethorn ValeJason Hayes3, den Burning SteppesJason Hayes3 oder Elwynn ForestJason Hayes3 den typischen Fantasy-Anstrich verpasst. Das funktioniert bei düsteren Stücken wie TanarisTracy W. Bush1 oder FelwoodDerek Duke2 gewohnt schlechter, Tracks wie Dun MoroghJason Hayes3 oder TeldrassilJason Hayes3 sind mit ihrem Harfengezupfe und Klaviergeklimper durchaus passabel. Und Song of EluneJason Hayes3 lässt Erinnerungen an Daggerfall wach werden.

Andere Lieder wie TavernJason Hayes3 sind klassische Gute-Laune-Macher und auch in die Städte-Themes für die verschiedenen spielbaren Fraktionen wie das bombastische StormwindJason Hayes4 der Menschen, das kriegerisch-trotzige IronforgeJason Hayes4 der Zwerge oder das mies-fies-düstere The UndercityDerek Duke3 der Luftverpester, ist erwartbar mehr Liebe geflossen. Dadurch freuen wir uns jedes Mal, wenn wir durch die mehr oder minder großen Pforten der jeweiligen Nation schreiten oder uns zum Ausloggen in die Schenke setzen.

„Aber Mattis, wie kannst du bei World of Wacraft von Mittelmaß sprechen? Viele der Songs sind Genre-Klassiker, die in diversen Best-ofs auftauchen und in Konzerten rauf und runter gespielt werden!“ Berechtigte, wenn auch verfrühte Kritik. Denn ich benutzte die Formulierung „über weite Strecken durchschnittlich.“ Was World of Warcraft bzw. Blizzard-Spiele als solche auszeichnet, sind die Zwischensequenzen. Die spinnen in grafischer Opulenz eine Geschichte, der heutzutage wohl nur noch eingefleischte Fans wirklich folgen können. Ihr Inhalt ist derweil immer inszenatorische Meisterklasse – und die Musiken stehen dem in nichts nach. Da im Jahr 2004 die Aufgabe allerdings vorranging darin bestand, dieses Spiel überhaupt erst mal spielbar zu machen, finden wir hier im Vergleich zu den Addons am wenigsten Cutscenes.

Was wir indes bereits schon hören, sind die wuchtigen Trommeln aus Legends of AzerothJason Hayes4, die uns beim Login entgegenwummern und wohl jedem Fan einen wohligen Schauer über den Rücken jagen dürften. Bei The Shaping of the WorldJason Hayes5 kommt dagegen das Warcraft-typische Theme zum Einsatz, das, gespielt von Streichern, im Wettstreit mit dem Orchester umherspringt, bevor es von Bläsern abgelöst wird. Das versprüht herrlichen Retro-Charme (ist immerhin 19 Jahre her, da darf man von Retro sprechen) und kumuliert in heroischen Klängen, die uns in die Schlacht begleiten.

Ähnlich ergeht es uns in A Call to ArmsJason Hayes, Glenn Stafford5, das Fans aus dem Cinematic Trailer zu Warcraft III wiedererkennen dürften. Hier hören wir ebenfalls das Warcraft-Theme, auch wenn es sich dieses Mal hinter Halo-artigen, getragenen Vocals und sphärischem Trommelhall versteckt, bevor es dann hervorbricht und – etwas kitschig – zum Ansturm aufruft. Das muss nicht jedem gefallen, bei mir erfüllt es den Anspruch an Hörenswertigkeit.

Und damit möchte ich diese Review für das Hauptspiel auch schon beenden. Unfair könnte man meinen, verliere ich doch teilweise deutlich mehr Worte über vermeintlich unbedeutendere Spiele. Genreprimus World of Warcraft nach nur 1060 davon beenden? Dem möchte ich entgegenhalten, dass alles über das Spiel aufgrund seiner Beliebtheit sehr gut dokumentiert wurde. Es lassen sich deutlich tiefergehende Analysen und Erklärungen zu den einzelnen Stücken auf diversen Fanpages finden. Da ich, wie oben beschrieben, nur wenig mit dem Spiel verbinde, und ich Repetition hasse, fehlt mir etwas die Verbissenheit, um noch tiefer ins Detail gehen zu wollen. Meine Empfehlung fällt für den OST klar auf die Cutscene-Mucke. Der Rest ist Durchschnitt. Aber hier endet es ja noch nicht, denn es folgen noch die diversen Erweiterungen!

01
Legends of Azeroth
Jason Hayes
4 02:39
02
The Shaping of the World
Jason Hayes
5 02:25
03
Legacy
Jason Hayes
3 02:26
04
Song of Elune
Jason Hayes
3 02:15
05
Echoes of the Past
Jason Hayes
4 01:54
06
A Call to Arms
Jason Hayes, Glenn Stafford
5 02:20
07
Intro Movie: Seasons of War
Jason Hayes
4 02:58
08
Stormwind
Jason Hayes
4 02:16
09
Orgrimmar
Jason Hayes
3 02:16
10
The Undercity
Derek Duke
3 02:28
11
Thunder Bluff
Glenn Stafford
3 02:37
12
Darnassus
Jason Hayes
3 02:45
13
Ironforge
Jason Hayes
4 02:15
14
Elwynn Forest
Jason Hayes
3 03:05
15
Duskwood
Jason Hayes
2 06:02
16
Dun Morogh
Jason Hayes
3 07:31
17
Burning Steppes
Jason Hayes
3 02:27
18
Shimmering Flats
Jason Hayes
3 04:08
19
Felwood
Derek Duke
2 02:38
20
Stranglethorn Vale
Jason Hayes
3 04:13
21
Tanaris
Tracy W. Bush
1 02:32
22
Teldrassil
Jason Hayes
3 03:56
23
Tavern
Jason Hayes
3 01:14
24
Moonfall
Jason Hayes
3 00:50
25
Ruins
Jason Hayes
3 01:17
26
Temple
Jason Hayes
3 01:04
27
Lurking
Jason Hayes
2 01:02
28
Sacred
Jason Hayes
3 01:11
29
Graveyard
Jason Hayes
2 01:09
30
War
Jason Hayes
3 00:50

One Comment

  • Muhter Mähbringer

    Elune-adore Shando,

    Diese Review kitzelt meine Kurzweiligkeit mit Freuden. Kein Wort ist überflüssig wie einst Addons nach WOTLK und keine Redewendung übertrieben opulent, wie einst die Cutscenes, bevor man dann mit dem mäßigen Polygoncharakter Wölfe vermöbelt.

    Ishnu-dal-dieb.

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