Empire of the Ants
What is this? A soundtrack for ants?
Spieletitel klingen auf Englisch oft besser: Grand Theft Auto wäre hierzulande wohl kaum ein solcher Verkaufsschlager geworden, hätte es als „Schwerer Autodiebstahl“ im Regal gestanden. „Schicksal“ von Bungie wäre vielleicht noch denkbar gewesen, wohingegen „Königreich komme: Errettung“ nur Fragezeichen bei der Spielerschaft hervorrufen dürfte. Das Ende 2024 erschienene Empire of the Ants hätte als „Reich der Ameisen“ wohl deutlich weniger unter einer Eindeutschung gelitten.
Ob es sich mit dem französischen Originaltitel Les Fourmis („Die Ameisen“) ähnlich verhalten hätte, lässt sich dagegen schwer sagen. Immerhin erschien nur ein Jahr zuvor das Kletterspiel Jusant (französisch für Ebbe). Doch die englische Übersetzung beschreibt präziser, worum es in der Neuauflage des 2000 erschienenen Echtzeitstrategiespiel geht. Darin steuern wir eine Ameise und koordinieren unsere Artgenoss*innen, sammeln Rohstoffe und rekrutieren Einheiten wie rote Ameisen, Blattläuse und Mistkäfer, um sie gegen Termiten oder Gottesanbeterinnen ins Feld zu führen.
Während das eigentliche Strategie-Gameplay nicht an thematisch ähnliche Titel wie Empires of the Undergrowth heranreichte, lag der USP in der Optik, die von vielen Magazinen als fotorealistisch bezeichnet wurde. Tatsächlich sieht das Spiel in Testvideos fantastisch aus. Der Perspektivwechsel auf Insektengröße, der schon in Titeln wie Grounded faszinierte, macht das winzige Gewusel herrlich nahbar. Trotzdem erreichte Empire of the Ants nur mittelmäßige Wertungen. Die Simulation um die notorisch emsigen Formicidae (so der Fachterminus für Ameisen) sollte somit der vorerst letzte Eintrag in der wenig beeindruckenden Historie des französischen Entwicklerstudios Tower Five bleiben.
Das bisherige Portfolio umfasste lediglich zwei Titel: Lornsword Winter Chronicle, ein RTS-MOBA-Hybrid mit ebenfalls durchwachsenen Kritiken, sowie das 2020 erschienene Remake des Comic-Shooter-Klassikers XIII. Dieses rangiert auf Metacritic aktuell bei einem Score von 41 (User-Score: 3,8) und wird von vielen eher als Demake bezeichnet. Blöd für mich, der das Original nie gespielt hat und es eigentlich in zeitgemäßer Optik erleben wollte. Doch wie man auch an Empire of the Ants sieht, ist Aussehen nicht alles.
Der Score
Zum Glück konnte das Spiel nicht nur den Augen etwas bieten, sondern auch den Gehörgängen. Das liegt an der großartigen Arbeit der Komponisten Mathieu Alvado und Mark Choi. In historisch unerwarteter Einigkeit zaubern der Franzose Alvado und der Brite Choi ein Orchesteralbum, das sehr wenig nach Insekten klingt, dafür aber gelungene „Klassik“ heraufbeschwört.
Der 26 Titel umfassende Original Soundtrack von Empire of the Ants mutet dabei eher wie ein verschollener Verwandter der Paradox-Titel an – allen voran Stellaris und die Victoria-Reihe. Das Orchester – ein klassisches Ensemble aus Streichern, Bläsern, Percussion und sogar einem Chor (The Federation’s DutyMathieu Alvado, Mark ChoiEmpire of the Ants) – erzeugt eine entspannte Klangkulisse, die malerische Landschaften im Stile von Anno oder Die Gilde heraufbeschwört. Das klingt so gar nicht nach dem, was man beim hektischen Gewusel hunderter Beine erwarten würde. Damit bricht die Musik deutlich mit der Erwartungshaltung, mit der ich in die erste Hörsession gegangen bin.
Generell brilliert der Score mit sanften Melodien, die in Stücken wie Fontainebleau ForestMathieu Alvado, Mark ChoiEmpire of the Ants, The Dying CityMathieu Alvado, Mark ChoiEmpire of the Ants oder Bel-o-kan [Piano Version]Mathieu Alvado, Mark ChoiEmpire of the Ants durch Chois Klavierspiel eine Melange aus Sehnsucht und Sinnlichkeit, Leichtigkeit und Schwermut zaubern. Während Titel wie Seeking the Path ForwardMathieu Alvado, Mark ChoiEmpire of the Ants oder On Your OwnMathieu Alvado, Mark ChoiEmpire of the Ants klare Parallelen zu actionreicheren Genres aufweisen – wie etwa Alvados Komposition für das Mäuseabenteuer Ghost of a Tale oder David Fenns Arbeit an Death’s Door –, bleibt das Album in seiner Anmutung kohärent klassisch.
Diesen Kurs behält das Album auch bei den wenigen Kampftracks bei. Diese wecken trotz martialischer Titel Erinnerungen an die moderat actionreiche Untermalung aus Age of Wonders, beispielsweise in Firebug AmbushMathieu Alvado, Mark ChoiEmpire of the Ants, Termite InvasionMathieu Alvado, Mark ChoiEmpire of the Ants oder A City Under AttackMathieu Alvado, Mark ChoiEmpire of the Ants. Andere Stücke wie 103,683rdMathieu Alvado, Mark ChoiEmpire of the Ants erinnern eher an die typische Untermalung von Dokumentationen über militärische Konflikte der Kolonialzeit – ihr wisst genau, was ich meine.
Nehmen wir Black Ant ArmyMathieu Alvado, Mark ChoiEmpire of the Ants als Beispiel: Es beginnt mit einer getragenen Geigenweise, bevor das Orchester im Stile einer Reportage über den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg aufspielt. Nach der anfänglichen Überraschung bleibt der weitere Verlauf des Albums recht vorhersehbar. Zu den „Experimenten“, die aus dem Erwartbaren ausbrechen, gehören beispielsweise Uncertain AllianceMathieu Alvado, Mark ChoiEmpire of the Ants mit seiner Saxophon-Melodie sowie das tribalartige An Ally Like No OtherMathieu Alvado, Mark ChoiEmpire of the Ants.
Fazit
Ich spreche auf dieser Seite immer wieder von den unentdeckten Diamanten, die in der großen Mine der Videospielmusik schlummern. Kaum jemand hat Empire of the Ants gespielt und noch weniger dürften den Soundtrack kennen. Dass der sich lohnt, sollte hoffentlich klar geworden sein. Wir haben es hier mit einem Score zu tun, der sich nahtlos in die Riege hochwertiger Genreproduktionen einreiht, ohne dabei aus dem Rahmen zu fallen – im Positiven wie im Negativen. Hierfür fehlt der Komposition die letzte Eigenständigkeit, um aus der Masse herauszustechen.