We Happy Few

Cover

We Happy Few

Komponist*in: Nicolas Marquis

2,0 / 5
Nostalgiebonus
26. Januar 2023

Verschenktes Potential

We Happy Few vom jungen kanadischen Entwicklerstudio Compulsion Games hatte das Potential, ein richtig gutes Action-Adventure zu werden. Die Zutaten waren alle da: Eine Brave New World-artige Dystopie, deren Bewohner allesamt auf psychedelischen Happy-Pills, genannt Joy, sind und so unwissentlich der Tristesse der Realität entgehen. Eine retro-futuristische Aufmachung im Artstyle eines Austin Powers. Den zynisch-britischen Humors von Monty Python, Horrorelementen Marke BioShock und Protagonist Arthur, der versucht, diesem Wahnsinn zu entkommen.

Anders ausgedrückt: Das Spiel hatte mich schon nach den ersten Trailern. Den durchwachsenen Kritiken zum Trotz kaufte ich mir We Happy Few, in der Hoffnung, dass ich mich auf die Seite der Lobliedschreiber stellen könnte. Doch nach der Euphorie über den coolen Einstieg, in dem Arthur sein Joy ausnahmsweise nicht nimmt und Zeuge wird, wie seine Kollegen im Pillenrausch statt einer Süßigkeit befüllten Piñata in Wahrheit eine tote Ratte genüsslich verspeisen, war schon nach ein paar Stunden die Luft und Lust raus.

Ich mochte den Stil, die Synchro, den Storyüberbau und die Ästhetik des Ganzen – nur leider nicht das dazugehörige Spiel. Die Pillenmechanik, die anfänglich ein cooles Gimmick war, nervte durch den Survivalaspekt bereits nach kurzer Zeit. Das Looten und Craften wirkten aufgesetzt und wie ich zu Rogue-Likes stehe, brauche ich nicht nochmal auszubreiten. Generell hätte ich mir eher die halblineare Erzählweise eines Dishonored 2 oder Thiefs gewünscht, statt der Open-World. Denn zusätzlich gab es zahlreiche Bugs, durch die man sowohl die dumme KI, als auch die Spielwelt aushebeln konnte und in Bereiche gelangte, die man eigentlich noch gar nicht besuchen sollte.

So befriedigte ich meinen Entdeckertrieb schlussendlich größtenteils damit, herauszufinden, wie ich die Schwächen von We Happy Few ausnutzen und -reizen konnte, anstatt es so zu spielen, wie es gespielt werden wollte. Denn wenn mich ein Spiel in eine Welt wirft mit der Prämisse, dass sie mein Spielcharakter zum ersten Mal ohne die rosarote Brille sieht, will ich mir natürlich alles anschauen. Und wenn es dann unnatürliche Barrieren gibt, beispielsweise die Limitierung beim Crafting, die nur dazu dienen, mich auf den Pfad der Story zu drängen, nervt mich das.

Folglich landete We Happy Few auf dem tatsächlich recht kleinen Stapel der Spiele, die ich mir a) gekauft und b) nicht durchgespielt habe. Nennt es Gamerstolz, bewusste Zeitverschwendung oder Trotz: Für gewöhnlich versuche, ich mein angefangenes Essen auch aufzuessen. Um diese Metapher weiterzuführen, kam ich bei We Happy Few nicht am Würgereflex vorbei. Ob es mir beim Soundtrack ähnlich ging?

Der Score

Der OST stammt von Nicolas Marquis, der im Videospiel-Soundtrack-Genre bisher kaum in Erscheinung getreten ist. Das muss zwar nichts heißen, aber mit We Happy Few wird ihm das ebenso wenig gelingen. Dass das nicht zwingend seine Schuld ist, liegt an dem Setting und dem Tonfall des Spiels. Die überzeichneten Charaktere, die in dieser kontrastreichen Welt aus überdrehter Schlag-mich-in-die-Fresse-Mann-bin-ich-gut-drauf-Stimmung und der dunklen und bitterernsten Kriegsrealität ihr Dasein fristen, bieten kaum Fläche, um den Soundtrack auf sie zu münzen.

Stattdessen macht Marquis das Erwartbare und beschränkt sich auf Hintergrundmusik und Szenenbegleitung, lässt dabei aber die Motivarbeit außen vor. Der Score verfrachtet uns beim Hören zurück in die 60er Jahre, die Ära der Swinging Sixties und den musikgewordenen Mushroom-Trip, nur echt mit der Ingame-Band The Make Believes, die okayen 70s Surf-Rock bieten (Dead of WinterThe Make Believes3, Out of the BlueThe Make Believes3, Georgie JoyThe Make Believes4). Wer einen Fable für E-Pianos (House of Curious BehavioursNicolas Marquis4) oder Einkaufszentrumsmusik (Joy and a Happy FaceNicolas Marquis3) hat, wird hiermit auf jeden Fall glücklich eindösen können.

Neben diesen positiven Tunes, wie wir sie beispielsweise aus Noone Lives Forever oder den Sam & Max-Spielen kennen, kommt bei den 48 Tracks natürlich auch der ‚Realitätspart‘ unter. Dieser tritt storybedingt eher am Ende des OST auf und fällt leider unter die Kategorie Nichtssagend. Marquis versucht hier die Atmosphäre eines Thrillers aufkommen zu lassen, wie beispielsweise in Suspect on the LooseNicolas Marquis2 und The Ratholm FogNicolas Marquis2.

Versucht, wohlgemerkt, denn es fehlen die Spitzen, die Emotionen, die wie ein Jumpscare den Suspense auflösen. Hamlyn a Seaside TownNicolas Marquis3, Military CampNicolas Marquis3 und Train StationNicolas Marquis3 sind nett, kommen aber nicht darüber hinaus. Es mag die Intention des Komponisten gewesen sein, diese Welt möglichst bedrückend zu gestalten – falls ja, ist es ihm gelungen. Generell wirken die Stücke, die wir in der Realität zu Ohren bekommen, als würde man sie durch ein Kissen erleben.

Folglich gibt es auch wenig Action-Tracks, und selbst Stücke wie Angry MushroomsNicolas Marquis3 oder Last LegsNicolas Marquis3 wirken eher handzahm. Hier hätte ich mir etwas mehr Mut und Drama gewünscht, denn der Kontrast zwischen Pillentrip und Überlebenskampf steckt eigentlich voller Potential. Und wie man eine Dystopie mit ihren Licht- und Schattenseiten stilsicher in Szene setzen kann, hat Garry Schyman elf Jahre zuvor mit seiner Arbeit für BioShock bereits gezeigt.

Durch den strikten Fokus auf die Monothematik, Gut und Schlecht, Himmel und Hölle, verkommt der Score zu einem Einheitsbrei. Und das ist schade, denn das Szenario hätte so viel Platz geboten, um einzelne Highlights aus dem See der Uniformität herausbrechen zu lassen und so die Gesamtkomposition auf ein neues Level zu hieven. So bleibt die Musik hinter meinen Erwartungen, was wiederum sehr gut zu We Happy Few passt. Leider.

01
Dead of Winter
The Make Believes
3 03:33
02
Out of the Blue
The Make Believes
3 03:52
03
Lalala
The Make Believes
3 02:05
04
Smiling Crime
The Make Believes
3 02:56
05
Zombieland
The Make Believes
3 03:08
06
When Youre Gone
The Make Believes
3 03:45
07
Georgie Joy
The Make Believes
4 02:06
08
Wellington Wells Broadcast Corporation
Nicolas Marquis
2 00:15
09
Dead Chuffed
Nicolas Marquis
3 02:08
10
House of Curious Behaviours
Nicolas Marquis
4 03:03
11
Lovely Day for It
Murray Lightburn
2 00:42
12
Suspect on the Loose
Nicolas Marquis
2 02:11
13
Parade District
Nicolas Marquis
2 03:32
14
The Garden District
Nicolas Marquis
2 03:18
15
Hamlyn a Seaside Town
Nicolas Marquis
3 03:13
16
Brassed Off
Nicolas Marquis
3 03:26
17
Dead Chuffed - Dazed and Confused
Nicolas Marquis
1 01:11
18
Everything Will Be as Right as Rain
Nicolas Marquis
3 02:18
19
Joy and a Happy Face
Nicolas Marquis
3 01:07
20
On Cloud Nine
Nicolas Marquis
2 01:36
21
Enlightenment Is Found in Mushrooms
Nicolas Marquis
3 01:44
22
Angry Mushrooms
Nicolas Marquis
3 01:12
23
Wellington Wells Anthem
Nicolas Marquis
4 01:11
24
Military Camp
Nicolas Marquis
3 02:20
25
Jubilator Music
Nicolas Marquis
2 00:55
26
The Bobby Song
Nicolas Marquis
2 00:50
27
The Church of Simon Says
Nicolas Marquis
3 00:40
28
Notes of Distraction
Nicolas Marquis
2 00:24
29
Lift to the Executive Committee
Nicolas Marquis
3 01:44
30
Suspicious at the Jumble Sale
Nicolas Marquis
2 01:14
31
The Plague Shelter
Nicolas Marquis
1 01:35
32
Are They Sleeping
Nicolas Marquis
2 01:00
33
Overdose and Crash
Nicolas Marquis
1 00:52
34
Last Legs
Nicolas Marquis
3 01:30
35
Victorias Abdelazer
Henry Purcell
4 02:28
36
Welcome to Wellington Wells
Nicolas Marquis
2 00:41
37
Sunny Day
Nicolas Marquis
3 02:39
38
Garden District Reprise
Nicolas Marquis
2 03:20
39
Joy and a Happy Face Reprise
Nicolas Marquis
3 01:07
40
Whos Up for Simon Says
Nicolas Marquis
3 01:20
41
A Seaside Town Reprise
Nicolas Marquis
2 03:25
42
Train Station
Nicolas Marquis
3 01:53
43
The Ratholm Fog
Nicolas Marquis
2 02:13
44
Sunny Day - Down and Out
Nicolas Marquis
2 01:31
45
Department of Science
Nicolas Marquis
1 02:17
46
Ollies Defense
Nicolas Marquis
1 01:05
47
Fighting for Joy
Nicolas Marquis
2 01:22
48
Arthurs Escape
Nicolas Marquis
4 01:11

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