Die Sims 2: Nightlife
Electro für unterwegs
Angeblich hat Mark Twain mal gesagt: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich oft.“ Besser könnte man die zweite Erweiterung für Die Sims 2 namens Nightlife wohl nicht beschreiben. Schließlich gab es schon für den ersten Teil von Die Sims mit dem 2001 erschienenen Hot Date ein Addon, das sich ganz dem Thema Ausgehen und Romantik verschrieb.
Während dies Anfang der 2000er noch romantische Dinnerabende bei Kerzenschein und Jazzmusik bedeutete, durften unsere Sims vier Jahre später in Nightlife die Nacht zum Tag machen und in der neuen Innenstadt ordentlich die Sau herauslassen. Das Ausgeh-Erlebnis in den beiden Inhaltspaketen gleicht gewissermaßen dem Unterschied zwischen einer Party in den eigenen 40ern und den wilden 20ern. Welches der beiden mir mehr Spaß gemacht hat, weiß ich gar nicht mehr – also im Spiel, nicht in der Realität. Aber bis zur großen Vierzig habe ich ja noch ein paar Jährchen.
Der Score
Ähnlich unterschiedlich verhält es sich mit der Musik. Während Jerry Martins swingiger Big-Band-Blues den abendlichen Exzessen in Hot Date Klasse und Stil verlieh, führt uns Mark Mothersbaugh bei Nightlife in die ebenso reibungsintensiven wie schweißtriefenden Katakomben diverser Partyhöhlen. Die musikalische Untermalung besteht einerseits aus dem Original Soundtrack (OST) und andererseits aus der Musik, der unsere Sims im Spiel lauschen. Diese habe ich auf Basis des Fan-Wikis im Album Radio Stations zusammengefasst.
Tatsächlich war der renommierte Filmkomponist an diesem Album eher indirekt beteiligt, handelt es sich bei den 14 Tracks der Erweiterung doch um Party-Remixe seiner Stücke aus dem Hauptspiel. Zu den verantwortlichen Künstler*innen zählen unter anderem der Komponist Tom Holkenborg alias Junkie XL, Lemon Jelly sowie Adam Freeland und Timo Maas. Der Score richtet sich somit vor allem an Fans elektronischer Tanzmusik – zu denen ich mich nur bedingt zähle.

Wie schon bei Die Sims 2: Wilde Campus-Jahre beginnt das Album mit einer Variation des Lade-Themes. Im House-/Trance-Remix The Sims Theme [Junkie XL Remix]Mark MothersbaughDie Sims 2: Nightlife legt Tom Holkenborg zunächst schnelle Beats unter die bekannte Melodie, bevor der Track in eine kurze Partyekstase mitsamt Streicher-Synthies mündet. Den Abschluss bildet erneut das Hauptmotiv, das, von einem Windspiel begleitet, langsam ausklingt. Eine nette Interpretation und definitiv einer der besseren Tracks des Albums.
An Holkenborgs Version schließt sich mit The Sims Theme [Lemon Jelly Remix]Mark MothersbaughDie Sims 2: Nightlife die Antithese zur ungezwungenen Feierlaune an. Dieses Stück ist deutlich bedächtiger und fast schon melancholisch – ein wenig wie der kurze, klare Moment der Besinnung während einer alkoholschwangeren Partynacht. Eine Spur Melancholie scheint ohnehin das Markenzeichen des kurzlebigen DJ-Duos Lemon Jelly gewesen zu sein, erinnert mich ihre Interpretation von Makeover doch sehr an die Ambient-Ästhetik von SimCity 4.
Anscheinend bin ich nicht der Einzige, dem dieser Einschlag aufgefallen ist. So schrieb der Musikkritiker Randall Robert in seiner Rezension für In Sheep’s Clothing: „[Der Soundtrack] zeichnet sich durch eine seltsame Kombination aus Verspieltheit und Melancholie aus.“ Zudem habe die Einbindung von Lemon Jelly in den Sims-Score dazu geführt, dass die limitierten Kopien ihrer drei EPs nach der Trennung des Duos zu begehrten Sammlerstücken wurden. Wer also noch eine Platte von The Bath, The Yellow oder The Midnight bei sich herumfliegen hat: Sie könnte einiges wert sein!

Zurück zum eigentlichen Album: Hier verwandelt jede*r Künstler*in Mothersbaughs Tracks in Breakbeat-, Techno- und House-Neuinterpretationen, die mehr oder minder gelungen mit den Samples der Vorlagen arbeiten. Mir persönlich macht die Kuhglocken-Action in Arch of the Sim [Adam Freeland Remix]Mark MothersbaughDie Sims 2: Nightlife durchaus Spaß, und auch die Techno-Variante von Sim the Builder [Hyper Remix]Mark MothersbaughDie Sims 2: Nightlife hat etwas für sich … für die volle Punktzahl reicht es am Ende aber bei keinem Song.
Bei der Ingame-Radiomusik erwartet uns mit den (auf Simlisch) umgedichteten Liedern echter Bands das gleiche Bild wie schon beim vorherigen Addon. Dieses Mal geben sich neben der Norwegerin Annie auch hierzulande weniger bekannte Interpret*innen wie das Flamenco-Duo Andy & Lucas oder die britische Pop-Rock-Band The Faders die Ehre. Deutsche Fans dürfen sich zudem über die instrumentale Version von Jeanette Biedermanns Song Run with MeJeanette BiedermannDie Sims 2: Nightlife [Radio Stations] freuen.
Zusätzlich wurden – vielleicht als kleine Rückbesinnung auf Hot Date – neben ein paar Blues-, Oldie- und Rock-’n’-Roll-angehauchten Stücken auch klassische Werke wie das Stadler QuintettWolfgang Amadeus MozartDie Sims 2: Nightlife [Radio Stations] von Wolfgang Amadeus Mozart und Johannes Brahms’ Ungarische TänzeJohannes BrahmsDie Sims 2: Nightlife [Radio Stations] ins Spiel integriert. Da diese ohnehin rein instrumental sind, lassen sie sich auch wunderbar ohne den typischen Sims-Anstrich genießen.

Fazit
Remixe haben es generell nicht leicht bei mir. Es gibt nur eine kleine Auswahl, die mir wirklich gefällt, und die Bedingung dafür ist meistens, dass ich das Original gar nicht erst kenne. Diesen Luxus genießt Nightlife leider nicht. Da mir das Spiel hier Ausschnitte meiner Lieblingsstücke aus Die Sims 2 präsentiert, denke ich unweigerlich an die Originale, anstatt die Neuinterpretationen unvoreingenommen zu würdigen. Diese sind auf ihre Art zwar gut geraten und transportieren das nächtliche Treiben der Erweiterung musikalisch überaus passend, doch mir persönlich liegt die Vorlage einfach zu sehr am Herzen. Wer Lust auf ‚professionelle‘ Neumischungen hat, kann aber definitiv mal ein Ohr riskieren. Nach über 20 Jahren dürfte es im Netz mittlerweile jedoch diverse Fan-Varianten geben, die noch mehr aus Mothersbaughs Vorlagen herauskitzeln. Für mich bleibt das hier Gehörte daher nur knapp über dem Durchschnitt.