Darksiders II
Befreiter Tod
Wenn man das erste Darksiders als ein The Legend of Zelda betrachtet, ist Darksiders II das Breath of the Wild der Serie. Dort wie hier wurde die altbekannte Formel aus Dungeons, Erkundung und Story sinnvoll erweitert. Zum gewohnten Kampfsystem gesellte sich nun noch ein Diablo-ähnliches Lootsystem, das uns durch immer besseres Equipment mit noch höheren Schadenswerten belohnte. Ein ausgefeiltes Parkour-System machte die Entdeckung der Spielwelt dynamischer und die Story war auch etwas verständlicher.
Die dreht sich um einen anderen der vier Reiter der Apokalypse, Tod, der versucht, die Unschuld seines Bruders Krieg zu beweisen. Warum der Totenkopfmann das macht und wie es mit der parallel verlaufenden Handlung des Vorgängers zusammenhängt, wird in der rund 20-stündigen Geschichte erklärt. Wer den nicht gespielt hat, sollte sich zumindest eine Zusammenfassung durchlesen, um nicht völlig ratlos dazustehen. Nach 14 Jahren kenne ich selbst nicht mehr die Wers und Wiesos, aber das soll für diese Review egal sein.
Auf der Suche nach Beweisen reisen wir nicht in irdische Gefilde, sondern ins Fantasyreich der Erbauer, zu Englisch „The Makers“. Dadurch wirkt Darksiders II deutlich klassischer als die Geschichte um Krieg auf der Erde, gestört hat’s mich aber nicht. Den Sensenmann selbst zu verkörpern, klingt indes zwar sehr übermächtig, doch auch unser Protagonist ist im Grunde nur ein Haudrauf, der dutzende Gegner mit seiner ikonischen Sense und anderen Waffen zerlegt. Anders als sein Bruder Krieg aus dem ersten Teil greift Tod zusätzlich auf ein Arsenal nekromantischer Fähigkeiten zurück. Grundsätzlich bleibt das Spielprinzip aber gleich.
So prügeln wir uns mal mit Lock-on auf ein einzelnes Gegenüber fokussiert, mal fröhlich in die Menge hinein mit Gruppen von Gegnern und Bossgegnern, lösen Rätsel und haben einfach Spaß. Darksiders II bleibt mein persönlicher Liebling der Reihe – nicht zuletzt, weil Darksiders III eher mittelmäßig war und ich Genesis gar nicht erst ausprobiert habe. So blicke ich versonnen auf diverse Zockabende zurück, auch wenn ich keine Ahnung mehr habe, worum es am Ende eigentlich ging … Good times.

Der Score
Anders als noch beim Vorgänger und Teil 3 war nur ein Komponist am Werk: Jesper Kyd. Der/Die geneigte Leser*in meiner Seite dürfte ihn vermutlich schon aus diversen anderen Reviews kennen, nicht zuletzt den frühen Borderlands– und Assassin’s Creed-Spielen, aber auch Warhammer 40,000: Darktide oder dem Darksiders optisch sehr ähnelnden Battle Chasers: Nightwar.
Wie nicht anders zu erwarten war, liefert Kyd auch bei der Musik von Darskiders II solide Arbeit ab, die sogar bei den 2012 Global Music Awards ausgezeichnet wurde. Zugegebenermaßen sieht deren Homepage aus, als wäre sie im selben Jahr entstanden, aber Trophäe ist Trophäe. Der Original Soundtrack umfasst 26 Tracks und hat eine Runtime von ca. einer Stunde und 20 Min, was solide ist. Zusätzlich dazu gibt es auch eine Complete Edition mit 37 weiteren Tracks, was die Laufzeit verdoppelt. Ich erwähne sie an dieser Stelle der Vollständigkeit halber, weil ein paar meiner persönlichen Highlights nicht im OST enthalten sind.
Wie eingangs gesagt ist Darksiders II mehr Fantasy als sein Vorgänger. Während dort hollywoodartiger Endzeit-/Superheldenbombast im Stil eines God of Wars heraufbeschworen wurde, klingt der Nachfolger mehr nach „Immortals: Fenyx Rising küsst Assassin’s Creed“. Das hört man bereits deutlich beim Einstiegssong The Makers Theme, dessen gefühlvolle Flötenmelodie Unbeschwertheit suggeriert, bevor futuristisch anmutende Synthies den Track mit Erdung und Bedrückung überziehen. Eine interessante Mischung, die sinnbildlich für den Score steht.

Vergleiche zu den Animus-Abschnitten von Ubisofts Meuchelabenteuern drängen sich durch zukunftsartige Klangeindrücke immer wieder auf, nicht zuletzt in sphärischen Titeln wie Crystal Spire. Aber auch andere Parallelen wie der hochstimmige Sologesang aus AC2 (Into Eternity,The Drenchfort) oder das Rhythmische aus Brotherhood (Makers in the Outland, Trouble in Eden) lassen Kyds Stil deutlich werden. Auf der Seite der GMAs liest es sich dazu wie folgt:
Der Soundtrack zu Darksiders II […] für das postapokalyptische Action-Adventure Darksiders […] kombiniert düstere, ätherische Themen und melodische Fantasie mit einer erhabenen Atmosphäre, die die filmische Reise des Spielers durch jedes der einzigartigen Reiche bereichert. Der mit dem BAFTA-Award ausgezeichnete und für den MTV VMA nominierte Komponist Jesper Kyd schafft unvergessliche und immersive Soundtracks für visuelle Medien.
Beschreibungstext der Global Music Awards: November 2012 Nominierten
Doch Kyd experimentiert auch auf Instrumentenseite und verleiht Stücken wie The Makers Overworld oder The Lost Temple Sentinels durch das dudelsackartige Mashak (zumindest glaube ich, dass es sich darum handelt) eine keltische Attitüde, die gleichzeitig durch die orientalisch klingende Gitarre zu einer interessanten Kombination führt. Besonders gelungen finde ich dies im treibenden The Makers Fight Back, das auch gut aus einem der frühen Prince of Persia-Spiele stammen könnte. Andere Nähen zum Südländischen finden wir in Tracks wie The Rod of Arafel, der dem Gitarrenzupfen sei Dank Hades sehr gleicht – oder eben Borderlands.

Wenn wir nicht gerade im Kampf sind oder der Future-Fantasy-Mischung (Supernatural Desert) lauschen, trumpft der Komponist mit Klavierstücken wie dem aufbauschenden wie retardierenden The Corruption oder dem Cello-lastigen Plains of Death auf – eine weitere Facette, die sehr gut ins Gesamtbild passt. Oder auch The Forge Lands aus der Complete Edition, das geradezu ‚klassische‘ Videospielmusik schreit. Herzstück des OSTs ist für mich derweil The Crowfather.
Der Titel beginnt unverdächtig. Ein langsamer Aufbau aus Streichern, der durch ein paar einzelne Gitarrennoten abgelöst wird. Die Stimmung ist schwer, bedächtig, traurig. Wie ein fernes Donnergrollen ziehen Trommeln herauf, die von der kommenden Düsternis künden. Die Gitarre erkämpft sich eine kurze Melodie, bevor sie abgelöst wird. Abgelöst von einer Symphonie des Schmerzes, der Traurigkeit und gleichzeitig der Befreiung, die mich im besten Sinne an den Mass Effect 2-Score erinnert. In meiner Top 15 der traurigsten Tracks schrieb ich über Platz 12:
The Crowfather begreift den Tod aber nicht als trauriges Ende, sondern als dem Aufbruch zu Neuem und orchestriert den Abschied als etwas Grandioses, etwas Schönes. Vielleicht interpretiere ich aber auch etwas viel in diesen Track, weil ich ihn so mag. Aber sobald der Klang des Orchesters explodiert, trifft es mich jedes Mal.
Ich über The Crowfather in Top 15 Traurigste Tracks

Ein dazu passendes Zitat fand ich auf der Seite yourclassical.org von Emily Reese. Sie fasst die Musik wie folgt zusammen:
Wenn man bedenkt, wie oft ich mir den Soundtrack zu Darksiders II von Jesper angehört habe, kann man sagen, dass seine Musik nicht nur wiederholtes Anhören aushält, sondern geradezu danach verlangt.
Emily Reese in „Jesper Kyd and Darksiders II on Top Score“
Dem kann ich nur bedingt zustimmen, denn gerade der Ambient-Charakter zerfasert die starken Momente des Scores für mich zu sehr. Die gibt es immer wieder, sie finden sich aber leider vermehrt in der Complete Edition des Scores und dürften so einem Großteil des Publikums entgangen sein. Perfektes Beispiel dafür ist The Maker’s Guardian, das dem Hans-Zimmer-Heldenepos des Vorgängers in nichts nachsteht. Oder das gefühlvolle Streicherstück Gilded Arena.
Weitere hörenswerte Stücke sind meiner Meinung nach War Against Death als Reprise von The Crowfather, das bewegende The Tree of Life sowie die Actionpieces Corrupted Archon und The Guardian Fight. Insgesamt bleibt die Musik von Darksiders II eher eine Sammlung von mehr oder minder zurückhaltenden Ambient-Tracks und Fantasy-Action. In seinen langweiligsten Momenten erweckt Kyd die Einöde einer Totenwelt zum ‚Leben‘, in seinen besten beflügelt der Score, wie es nur die Großen können.




