Humankind
Ein kurzweiliges Kapitel
Das Rezept für ein gelungenes Spiel ist einfach: Es muss Spaß machen. Da Spaß subjektiv ist, wird diese einfache Rezeptur jedoch schnell auf die Probe gestellt und viele Spiele scheitern an dieser simplen Hürde. Schenkt man den Rezensionen Glauben, bereitet das 2021 erschienene Humankind der französischen Amplitude Studios durchaus Vergnügen. Es baut auf denselben Mechanismen auf wie der Platzhirsch Sid Meier’s Civilization, ist weniger überkomplex als Old World und sieht mit seinem realistischeren Look zudem sehr ansehnlich aus.
Dennoch war diesem 4X-Game nicht der Erfolg vergönnt, den ich ihm gewünscht hätte. Grund dafür sind mehrere Faktoren, der wichtigste: Humankind macht einiges anders als Civilization. Anstatt eine Zivilisation von der Steinzeit bis in die Moderne zu führen, wählen Spielende beim Eintritt in eine neue Epoche eine neue, zeitgenössische Kultur. Das Fan-Wiki beschreibt den Prozess wie folgt:
Kombiniere bis zu 60 historische Kulturen, während du dein Volk von der Antike bis in die Moderne führst. Beginne als bescheidener Nomadenstamm, gehe als Babylonier in die Antike über, werde zu den Mayas der Klassik, zu den Umayyaden des Mittelalters, zu den Spaniern der Frühen Neuzeit und so weiter. Jede Kultur fügt dem Spiel eine eigene, besondere Ebene hinzu, was zu nahezu unendlichen Spielverläufen führt.
Das klingt zwar nach Marketinggerede, ist allerdings eine ebenso spannende wie naheliegende Idee für die realitätsnahe Darstellung der Menschheitsgeschichte, der sich Humankind verschrieben hat. Leider führte gerade diese Beliebigkeit dazu, dass man sich nicht mit der eigenen Zivilisation verbunden fühlt. Aus Erfahrung kann ich sagen: In Civilization VI ist es mir egal, ob ich als Theodore Roosevelt noch vor der Erfindung des Rads die Pyramiden von Gizeh errichte oder ob Gandhi mit Atomwaffen um sich wirft. Es ist ein Spiel, dessen Absurdität einen großen Reiz ausmacht.
Dennoch ist Civ nicht simpel. Es bleibt trotz seiner Komplexität deutlich zugänglicher als beispielsweise die als Spiele getarnten Excel-Listen von Paradox Interactive. Wenn man eine Hardcore-Simulation möchte, hält man sich eben an Europa Universalis, Hearts of Iron oder Crusader Kings. Zweifellos befassen sich diese Titel nur mit einem kleineren Ausschnitt der Weltgeschichte, gehen dafür aber deutlich mehr in die Tiefe. Humankind setzte sich mit seinem Ansatz also genau zwischen die Stühle. Ironischerweise machte Civilization VII vier Jahre später mit seinen wechselnden Zivilisationen den gleichen Fehler und scheiterte ebenso – hier wurde nicht aus der Geschichte gelernt.

Doch es gab weitere Kritikpunkte an Humankind. Dazu gehörten besonders der überschaubare Langzeitsupport, der zu einem Mangel an Wiederspielwert führte, ein unausgereiftes Balancing sowie Einzelaspekte wie das Religionssystem. Gepaart mit einer KI, die sich einerseits recht unbeholfen anstellte, während sie andererseits nicht den Ressourcenlimitierungen der Spielenden unterworfen war, wurde Humankind nicht zum ersehnten Civ-Konkurrenten. Derzeit dümpelt es auf Steam bei etwa 350 gleichzeitig Aktiven herum. Zum Vergleich: Civilization VII (2025) liegt bei knapp 5.000 und mein geliebtes Civilization VI von 2016 bei 42.000 aktiven Spielenden. Ich kann’s verstehen, das Spiel macht einfach Spaß.
Der Score
So viel der einleitenden Worte. Der Kontext war allerdings wichtig, um meine Bewertung der Musik zu erläutern. Sie stammt von dem Komponisten Arnaud Roy, der auch unter seinem Alias FlybyNo bekannt ist. Der Franzose unterlag bei der Gestaltung des Original Soundtrack somit denselben Bedingungen, mit denen Christopher Tin bereits 2020 bei seiner Arbeit für Old World konfrontiert war: Beliebigkeit. Wo Geoff Knorr bei seiner Arbeit für Civ V und Civ VI auf die Klangmotive des jeweiligen Volkes bauen konnte, standen beide Komponisten vor der undankbaren Aufgabe, allgemeingültige Stücke für ihre Scores zu komponieren, die mit jeder Bevölkerungskombination funktionieren.
Das Ergebnis bei Humankind sind 19 Tracks, die für sich genommen ganz gut klingen – das ist doch schon mal was! Da Roy selbst Harfenspieler ist, kommen in seinen Kompositionen auffällig häufig Zupfinstrumente zum Einsatz, die in Kombination mit den Chören ein antikes, mediterranes Flair erschaffen. Stücke wie OraclesFlybyNo, Arnaud RoyHumankind, Conquered LandsFlybyNo, Arnaud RoyHumankind und besonders The Myrtle GardensFlybyNo, Arnaud RoyHumankind klingen dadurch nach der Art von Musik, die man in einer Dokumentation über die Römerzeit erwarten würde. Sie gliedert sich somit nahtlos in die Klangkulisse von Spielen wie Titan Quest oder den frühen God of War-Teilen ein.

Dieses Gefühl wird in De Vita ContemplativaFlybyNo, Arnaud RoyHumankind durch Soundeffekte wie Wasserrauschen noch verstärkt. Dem gegenüber stehen Mandate of HeavenFlybyNo, Arnaud RoyHumankind und Jo Ha KyuFlybyNo, Arnaud RoyHumankind als Vertreter asiatisch anmutender Klangwelten. Bei den weiteren Liedern bleibt Roy dem eingeschlagenen Kurs stilistisch treu, fügt jedoch unterschiedliche Elemente hinzu: Streicher oder Trommelwirbel lassen Hidden SoulFlybyNo, Arnaud RoyHumankind, PastoraleFlybyNo, Arnaud RoyHumankind, SignsFlybyNo, Arnaud RoyHumankind und EudaimonesFlybyNo, Arnaud RoyHumankind dezent kolonialer erscheinen, was diese Stücke in die Nähe von Spielen wie Empire: Total War oder Victoria II rückt. Die vermeintlichen Kampf-/Actiontracks Battle of QadeshFlybyNo, Arnaud RoyHumankind, MercuryFlybyNo, Arnaud RoyHumankind und Under InvasionFlybyNo, Arnaud RoyHumankind – dessen Anfang mich ein wenig an das Battlefield-Theme erinnert – sind durch die treibenden Trommeln moderat spannender und lassen Ähnlichkeiten zu Roys Kompositionen für andere Spiele der Endless-Reihe wie Endless Space oder Endless Legends erkennen, die er für die Amplitude Studios schuf.
Die Hürde für eine volle Punktzahl bewältigt nur ein Titel des Humankind-Albums: Amongst the MightyFlybyNo, Arnaud RoyHumankind. Dessen Kombination aus Streichern und Gesang ist motivierend, bewegend und eifert dem Geist vom Civ VI-Eröffnungssong Sogno di Volare (The Dream of Flight)Christopher TinSid Meier’s Civilization VI nach. Für mich liegt Arnaud Roys Version zwar etwas unter der Klasse von Christopher Tins Werk, verachtenswert ist sie deshalb aber nicht. Anders sieht es beim Main Theme HumankindFlybyNo, Arnaud RoyHumankind aus, das auf ähnliche Weise für Stimmung sorgt, jedoch nicht die Klasse der beiden erreicht. Die Faszination von Videte GigantemFlybyNo, Arnaud RoyHumankind und Deus Ora MovetFlybyNo, Arnaud RoyHumankind liegt derweil im Einstieg, die einer kirchlichen Litanei gleichen, bevor die Stücke zur Mitte der Laufzeit den Bogen in Richtung eines imperialistischen Militärmarschs schlagen – spannend!

Fazit
Das Album macht vieles richtig und abschnittsweise auch Spaß. Doch genau wie das Spiel messe ich auch die Musik an der Meisterleistung, die mit Civilization VI abgeliefert wurde. Und hier gibt es zwei markante Unterschiede: Der Score von Humankind erzählt keine Geschichten – er erzählt eine Geschichte. Die Geschichte unserer Vorfahren, die wir zuhauf aus Film und Fernsehen kennen. Der Score fügt ihr aber keine Facetten hinzu, bricht nicht aus dem Bekannten aus. Er bleibt erwartbar.
Gleichzeitig wirkt die Musik stark in gängigen Antike-Tropen verankert; fast die Hälfte des Albums atmet den Geist dieser Epoche. Für ein Spiel mit dem Anspruch, die Menschheitsgeschichte in ihrer Gesamtheit abzubilden, ist das zu wenig. Diesen Kritikpunkt könnten die 62 Tracks des Music for the Ages-Bundles entschärfen, in die ich noch reinhören muss. Für den Original Soundtrack verbleibe ich wertungstechnisch bei einer wohlwollenden 3+ und dem Gefühl, dass hier mehr möglich gewesen wäre.
Humankind: Music for the Ages
In meiner Rezension zum Hauptspiel hatte ich angemerkt, dass dessen Auswahl an Musikstücken mit gerade einmal 19 Tracks recht dürftig war. Als sei meine Kritik erhört worden, veröffentlichten die Amplitude Studios und Publisher Sega knapp ein Jahr später acht weitere Alben. Diese wurden erneut von Arnaud Roy aka FlybyNo komponiert und tragen die Titel Humankind: Music for the Ages – Volume I-VIII.
Da Volumes in der digitalen Zeit meiner Meinung nach recht sinnfrei sind, hätte ich diese normalerweise in einem Album gebündelt – mit insgesamt 378 Stücken wäre mit dieser Kompilation dann allerdings niemandem geholfen. Zum anderen tragen die Auskoppelungen ab dem 5. Eintrag die Zusätze Cultures of Africa, Cultures of Latin America, Together We Rule und Cultures of Oceania im Titel, was eine thematische Zusammengehörigkeit verspricht. Hören wir also rein!
Informationen findet man zu den Veröffentlichungen leider kaum. Tatsächlich wurden die Beschreibungstexte der ersten vier Alben auf Steam plump kopiert:
Die Alben der Reihe „HUMANKIND: Music for the Ages“ enthalten stundenlange traditionelle Musik aus dem Soundtrack des Spiels. Die vier Bände mit einer Spieldauer von jeweils über zwei Stunden bieten eine außergewöhnliche Vielfalt an Instrumenten aus aller Welt, gespielt und improvisiert von zahlreichen begabten Künstlern.
Steam-Produktseite für Volume I
Das trifft den Kern der 62 Stücke des ersten Albums tatsächlich sehr gut. Wir hören in der Tat eine Auswahl an (simplen) Liedern, die sich meist auf einzelne Instrumente beschränken. Das klingt in meinen Ohren recht primitiv und ließ mich zunächst hoffen, dass – ähnlich wie bei Civilization – die Musik eine Progression durchläuft und wir uns beim ersten Album gerade an deren Anfang befinden.
Besagte Hoffnung auf eine Weiterentwicklung von simplen, archaischen Klängen, zu vollständig entwickelten Orchesterstücken zwecks akustischer Untermalung des zivilisatorischen Fortschritts, wurde derweil durch die Namensgebung der Tracks torpediert: So finden wir in Volume I bereits viele Stücke mit Zahlen im Titel (Kithara of the Golden Age 1Arnaud RoyHumankind: Music for the Ages, Volume I, Khmer Harp 3Patrick KersaléHumankind: Music for the Ages, Volume I, Aztecs Flutes 2Pierre HamonHumankind: Music for the Ages, Volume I), die sich bis Volume IV durchziehen (Kithara of the Golden Age 19, Khmer Harp 14, Aztecs Flutes 11). Die ersten vier Alben sind entsprechend nicht progressiv, sondern bieten eher mehr vom Bekannten.
„Das Bekannte“ ist dabei eine Auswahl klassisch altertümlicher Instrumente wie Flöten, Trommeln und Lyren, die den mediterranen Fokus des Hauptspiels in urzeitliche Gefilde lenkt. Diese eher simplen Melodien wirken auf mich etwas unfertig und lassen sich durch ihre Nummerierung oder Titel mit Begriffen wie Improvisation recht leicht herausfiltern. Und dann findet sich am Ende doch eine gewisse Form der musikalischen Entwicklung, denn das Album bietet ein paar Interpretationen zeitgenössischer Werke:
Under der lindenXavier TerrasaHumankind: Music for the Ages, Volume I und When Daphne form Fair Phoebus Did FlyJulien Leonard, Myriam Rignol, Jérôme Van WaerbekeHumankind: Music for the Ages, Volume I (hier falsch geschrieben) basieren auf realen Vorbildern aus dem 16. Jahrhundert. Die Flöten und Streichinstrumente erzeugen dabei ein eher feudales Feeling, was mir etwas mehr zusagt als simples Getrommel – quasi Mittelalter statt Antike. Das türkische Volkslied Uskûdara GiderkenTaoufik BergoudHumankind: Music for the Ages, Volume I kenne ich dagegen aus Civilization VI (dort als Banat IskandariaGeoff Knorr, Phill BoucherSid Meier’s Civilization VI). Dass es sich bei Tracks wie Recercada SegundaJulien Leonard, Myriam Rignol, Jérôme Van WaerbekeHumankind: Music for the Ages, Volume I, Skye Boat SongAlexandre BobeHumankind: Music for the Ages, Volume I oder Tant ai d’amorFrançoise JohannelHumankind: Music for the Ages, Volume I um weitere klassische Werke handelt, habe ich mir erschlossen. Die finde ich etwas spannender, wirklich empfehlen kann ich leider keine der Kompositionen … Aber das ist wie immer Geschmackssache.