Der Herr der Ringe: Die Gefährten
Marschroute Mordor
Es hat lange genug gedauert, doch heute starten wir auf dieser Seite endlich mit einem Spiel zu einer Trilogie, die das Leben fast aller Fantasy-Nerds geprägt haben dürfte: Der Herr der Ringe. Worum es in den 1954 erschienenen Büchern von J. R. R. Tolkien geht, sollte so ziemlich jedem in der Altersspanne von 12 bis 70 bekannt sein – möchte man meinen. Tatsächlich habe ich vor drei Jahren meinen besten Kumpel André dazu genötigt, sich die Filme um Frodo, Gandalf und Konsorten das erste Mal anzuschauen. Meine Erkenntnis daraus: Nichtkenner lassen sich zu leicht von der zweistelligen Stundenanzahl der Gesamtlänge bei den Special Extended Editions aller drei Filme abschrecken – und dabei hatten wir noch nicht einmal das doppelt so lange Bonusmaterial gesichtet!
Für mich war es derweil eine wunderbare Rückkehr in meine Kindheit, als Tolkiens Werk die Go-to-Vision klassischer Fantasy war – lange vor Buchreihen wie Andrzej Sapkowskis Witcher-Serie oder den Büchern um Das Lied von Eis und Feuer von Namensvetter George R. R. Martin. Das Spiel zum ersten Film, Der Herr der Ringe: Die Gefährten, habe ich wegen seiner Konsolenexklusivität indes nie gespielt. Da wir uns hier am Anfang der 2000er befinden, war das allerdings kein großer Verlust; schließlich waren Spielumsetzungen von Hollywood-Blockbustern zu jener Zeit notorisch schlecht. Hinzu kam, dass unterschiedliche Studios für die verschiedenen Plattformen programmierten, weshalb eine Konsolenfassung vielleicht deutlich besser war als die für den PC … Spider-Man 2 von 2004, ich hasse dich bis heute abgrundtief.
Diesen Umständen zum Trotz gelten die Videospieladaptionen der Peter-Jackson-Filme (Der Herr der Ringe: Die zwei Türme und Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs) von Electronic Arts heute als Klassiker. Sie zierten die Kinderzimmer all jener, die einen GameCube, eine Xbox oder eine PlayStation 2 zu Hause hatten. Dieses Schicksal blieb Die Gefährten verwehrt, da das Spiel mangels Rechten seitens des Publishers Vivendi Universal Games nicht auf dem Film, sondern auf der Buchvorlage basierte.
Entsprechend deutlich unterscheiden sich die Titel voneinander. Während in den EA-Spielen die bekannten Gesichter von Viggo Mortensen, Elijah Wood und Sir Ian McKellen auf Uruk-hai und Orks einprügeln, erkennen wir die Protagonisten im Spiel von Vivendi nur anhand ihrer Namen. Spieltechnisch durfte man wohl ebenfalls keine Offenbarung erwarten, weshalb Metacritic lediglich Mittelmaß attestiert. Das muss ich mangels eigener Hands-on-Erfahrung und nach einem kurzen Blick auf das Gameplay via YouTube so stehen lassen.

Als Komponist wird Brad Spear genannt, dessen Credits sich wie meine bisherige berufliche Laufbahn lesen: ein kurzer Abstecher in ein neues Feld und dann schnell wieder weg. So beschränkt sich sein kreatives Schaffen laut IMDB auf den 2004 erschienenen Horrorfilm Customer 152, während vgmdb ihm im Videospielbereich noch Assistenzarbeit am vier Jahre zuvor veröffentlichten Icewind Dale zuschreibt. Zusätzlich sollen Teile seines Scores für Die Gefährten auch in Der Herr der Ringe Online auftauchen – das werden wir zu gegebener Zeit überprüfen.
Der mir vorliegende Original Soundtrack beinhaltet insgesamt 16 Tracks und erreicht eine stattliche Länge von einer Stunde. Das ist den stark variierenden Laufzeiten geschuldet, die von einer Minute bis hin zu beinahe zehn Minuten alles abdecken. Und das fasst auch schon die größte Schwäche des Scores zusammen: den Aufbau der Stücke. „Ja gut“, wird man denken, „was anderes gibt es bei einem Album auch nicht zu bewerten.“ Das stimmt, ist aber nicht das, was ich meine.
Ein guter Score ist so abgemischt, dass die Titel in sich geschlossen wirken. Ein Background-Track hält sich vornehmlich im Hintergrund, während ein Action-Piece uns nach vorne peitscht. So können Akzente gesetzt und einzelne Stücke unterscheidbar gemacht werden. Die Kreation von Brad Spear versucht derweil, all das gleichzeitig abzubilden – und scheitert daran. Die meisten Lieder vermischen ihre Intentionen zu stark, was wohl dem Narrativ des Spiels geschuldet ist. Begleitet ein Stück beispielsweise eine Cutscene, ergibt das Sinn; ich bezweifle jedoch, dass dies auf alle 16 Stücke zutrifft.

Bestes Beispiel für diesen künstlerischen Fehlgriff ist A Journey in the DarkBrad SpearDer Herr der Ringe: Die Gefährten, das sich in seinen zehn Minuten Laufzeit von gruselig über neugierig bis hin zu dramatisch wandelt – eben wie eine Reise in die Dunkelheit. Das mag nun kontraintuitiv wirken, möchte der Komponist doch genau den Titel des Liedes musikalisch abbilden. Doch mangels einer eigenen Identität oder wiederkehrender Motive verkommt der spannende Abstieg zu einem belanglosen Ausflug.
Das ist enttäuschend, denn der eher positive Grundton, den Spear der Geschichte um die kleinwüchsige Reisegruppe verpasst hat, ist ein interessanter Kontrast zum musikalischen Meisterwerk von Howard Shore. Gerade der Fokus auf Flöten (The ShireBrad SpearDer Herr der Ringe: Die Gefährten, Tom and GoldberryBrad SpearDer Herr der Ringe: Die Gefährten), Harfen (The Old ForestBrad SpearDer Herr der Ringe: Die Gefährten), Dudelsäcke (Glorfindel’s ThemeJimmy SmythDer Herr der Ringe: Die Gefährten) und Streicher (IntroductionBrad SpearDer Herr der Ringe: Die Gefährten) verleiht dem Score gewisse keltische Einflüsse, die gut zu Tolkiens Vision passen.
Leider bleibt die Musik zu handzahm und schlicht zu belanglos, um wirklich zu fesseln. Ihr gelingt nicht einmal die vergleichsweise einfache Aufgabe, den Personen und Orten, die es nicht in die Filmadaption geschafft haben, einen einzigartigen Charakter zu verleihen. Das Album plätschert dahin wie das Wasser des großen Stroms Anduin, ohne Akzente zu setzen. Aufgehorcht habe ich tatsächlich nur bei Bag End to Maggot’s FarmBrad SpearDer Herr der Ringe: Die Gefährten, weil Spear für die Komposition wohl auf dieselbe Musikdatenbank wie Paul Romero für Heroes of Might and Magic IV zurückgegriffen hat. Dessen The Mountain SongPaul Anthony Romero, Rob King, Steve BacaHeroes of Might and Magic IV (einer meiner absoluten Lieblinge) nutzt dasselbe Soundfile einer Sängerin, das auch bei Spears Stück zu Beginn auftaucht … wie klein die Soundauswahl damals doch war.

Fazit
Die Kreation von Brad Spear erlag dem Fluch, der viele talentierte Studios und Komponist*innen in der Frühzeit moderner Videospiele plagte: dem einer mittelmäßigen Lizenzversoftung. Dieses Die Gefährten-Album wäre absoluter Standard, fällz aber sogar noch etwas darunter ab, wenn man es mit dem Potenzial vergleicht, das Howard Shore beim filmischen Vorbild voll ausgeschöpft hat. Der Vergleich mit einem Jahrhundertwerk mag unfair wirken, doch rechtfertigt keines der Stücke eine wohlwollende Bilanzierung. Namensvetter wie die Die Schlacht um Mittelerde Reihe oder Mittelerde: Mordors Schatten sollten später zeigen, wie man die Marke trotz Filmrechte abseits des Kinos gekonnt musikalisch in Szene setzt.
Wer beim Hören des Die Gefährten Albums kurz wegnickt, verpasst nichts und wird sich später im Einerlei der Klänge wiederfinden, die jede Form von Individualismus vermissen lassen. Happy, bedächtig, treibend, bedrohlich: Der Score vermischt alle Farben zu einem braunen Anstrich, der in Maßen nett, in der Masse aber ermüdend wirkt. Bemerkenswerte Akzente bleiben somit geladene Gäste, die sich auf der Reise wohl irgendwo verlaufen haben.