Assassin’s Creed: Revelations – The Lost Archive
Die Aufzeichnungen lügen nicht
Die Meinungen zum Mini-DLC The Lost Archive für Assassin’s Creed: Revelations fallen sehr unterschiedlich aus. Während sich Nutzer*innen im Reddit-Thread „Is the Lost Archive DLC worth it at this point?“ vor Begeisterung überschlagen („Ich finde ihn großartig, meiner Meinung nach der beste DLC der Serie.“), hagelt es vernichtende Wertungen auf Metacritic: „Der DLC, nach dem buchstäblich niemand gefragt hat oder den überhaupt jemand wollte“ oder „Völlig unnötig“ – um nur ein paar zu nennen.
Die unterschiedlichen Kritiken lassen sich auf die Story und das Gameplay der Erweiterung zurückführen. Beide orientieren sich nicht am Kern des Basisspiels beziehungsweise der Reihe Assassin’s Creed, sondern beschränken sich auf die Ausflüge in den futuristischen Animus, durch den Protagonist Desmond Miles die Geschichten seiner Vorfahren erlebt.
Statt um den entführten Barkeeper dreht sich The Lost Archive jedoch um die Erinnerungen des verstorbenen Clay Kaczmarek, der als Subjekt 16 Miles’ Vorgänger war. Dessen Verstand geistert noch in den Untiefen der Maschine umher. Wir müssen versuchen, seine Erinnerungen zusammenzufügen, um einem großen Geheimnis auf die Spur zu kommen. Das klingt an sich nach einem interessanten Plot und wurde von den Fans entsprechend gelobt – nur eben von jenen, die sich für die Animus-Storyline interessieren.
Wer dagegen Attentatsmissionen vor einer einigermaßen historisch akkuraten Kulisse erleben wollte, blickte aus der Egoperspektive auf blanke Wände. Statt Kletterpassagen galt es, geometrische Figuren zu positionieren und sich so durch die Räume zu rätseln – also mehr Portal oder The Talos Principle als Assassin’s Creed. Da ich seinerzeit überzeugter DLC-Gegner war, habe ich mir diese Erfahrung damals erspart. Eine gute Entscheidung, wie ein kurzer Blick in einen einstündigen Walkthrough auf YouTube beweist.
Der Score
So unterschiedlich die Meinungen zum Inhalt der Erweiterung sein mögen, so einhellig fällt – sofern thematisiert – das Lob für den Soundtrack aus. Mangels eines offiziellen Releases müssen wir hier mit dem einstündigen Gamerip vorliebnehmen, der im Internet kursiert. Auf Basis der Informationen von MobyGames schreibe ich diesen dem schwedischen Komponisten Ola Strandh zu. Dort wird er als Audio Director und Composer bei Ubisoft Massive Entertainment gelistet; er ist vorrangig für seine Arbeit an World in Conflict und Ubisofts The Division-Serie bekannt.
Dass die 30 Stücke weder von Jesper Kyd noch von Lorne Balfe stammen, erklärt den qualitativen Unterschied des Albums. Diese macht sich zum einen in der Tracklänge bemerkbar, die recht überschaubar ausfällt und achtmal sogar die Ein-Minuten-Marke unterschreitet. Zum anderen – und das ist weitaus bedeutsamer – zeigt sie sich im Stil des Scores. Passend zum Puzzle-Gameplay und dem Mystery-Narrativ hält sich die Musik primär im Hintergrund. Sie bietet jene Art von Begleitung, die in Sci-Fi-Soundtracks oft übersprungen wird, um zu den eigentlichen Highlights zu gelangen.
Synthiegewaber (The End is Only the Beginning (Animus Island 2)Ola StrandhAssassin’s Creed: Revelations – The Lost Archive, The Order) und sphärische Klänge (New AssignmentOla StrandhAssassin’s Creed: Revelations – The Lost Archive) wechseln sich mit düsteren Hall-Effekten (Picture the Pages of HistoryOla StrandhAssassin’s Creed: Revelations – The Lost Archive) ab. Währenddessen lassen Infiltrate AbstergoOla StrandhAssassin’s Creed: Revelations – The Lost Archive und Alan Rikkin’s ComputerOla StrandhAssassin’s Creed: Revelations – The Lost Archive eine moderne Thriller-Atmosphäre im Stil von Tom Clancy’s Splinter Cell: Double Agent aufkommen. Treibend wird es dann kurz in …And Get OutOla StrandhAssassin’s Creed: Revelations – The Lost Archive und Abstergo MainframeOla StrandhAssassin’s Creed: Revelations – The Lost Archive, bevor es mit Project SirenOla StrandhAssassin’s Creed: Revelations – The Lost Archive und TrappedOla StrandhAssassin’s Creed: Revelations – The Lost Archive wieder düster bedrohlich wird. Bei The Pillars of Our CreedOla StrandhAssassin’s Creed: Revelations – The Lost Archive bekomme ich derweil leichte Max Payne-Vibes.
Das größte Plus des Albums ist das Main-Theme Bleeding EffectOla StrandhAssassin’s Creed: Revelations – The Lost Archive mit seiner schlichten Klaviermelodie. Sie taucht später erneut in Next SessionOla StrandhAssassin’s Creed: Revelations – The Lost Archive sowie Breaking the LoopOla StrandhAssassin’s Creed: Revelations – The Lost Archive auf. Die Schwermütigkeit in Kombination mit der Geschichte um das verstorbene Testsubjekt dürfte der Grund für die Begeisterung der Spielenden sein. Für mich als Person, der die Story nach dem verkorksten Ende von Assassin’s Creed III und nach mittlerweile 14 Jahren herzlich egal ist, reicht dieses künstlerische Niveau nur für die Wertung „Okay“.
Ebenfalls erwähnenswert sind der Chill-House-Mixe Desmond’s Journey – Metropolis [Original][Bonus]Ola StrandhAssassin’s Creed: Revelations – The Lost Archive und Desmond’s Journey – Metropolis [Fan Made][Bonus]Ola StrandhAssassin’s Creed: Revelations – The Lost Archive sowie die interessanten akustischen Spielereien in Next SessionOla StrandhAssassin’s Creed: Revelations – The Lost Archive (Geigerzähler-Effekt), Gateway to HeavenOla StrandhAssassin’s Creed: Revelations – The Lost Archive (sehnsuchtsvolles Brummen) oder StyxOla StrandhAssassin’s Creed: Revelations – The Lost Archive (dystopisches Kreischen).
Fazit
Trotz der Bemühungen um Varianz und der Experimentierfreude steht das inoffizielle Album zu The Lost Archive im Schatten von Kyds und Balfes Arbeit für Revelations. Wie der DLC ist auch die Musik nur etwas für all jene, die nicht genug vom Zukunftssetting bekommen können. Für die breite Masse dürfte dieses Kapitel dagegen unentdeckt im Archiv vergraben bleiben.