To the Moon

Cover

To the Moon

Komponist*in: Kan Gao

4,0 / 5
Nostalgiebonus

Versteckte Perle

2011, als die ersten Indie-Games aus dem Schattendasein traten und anfingen, den großen Produktionen Konkurrenz zu machen, war auch ein kleines Ein-Mann-Projekt namens To the Moon unter ihnen. Programmiert wurde das Spiel von Kan Gao, der dafür den RPG-Maker nutzte, weshalb der Look gerade Fans früher japanischer Rollenspiele begeistern dürfte. Ich selber habe das Spiel tatsächlich nur gespielt, weil es mir als Geschenk in die Bibliothek gespült wurde – danke dafür, Jacko!

Ich ging also ohne Erwartungen an das Spiel heran und war etwas überrascht ob der Story. Die handelt nicht etwa von Weltrettung und Monsterbekämpfungen, sondern von dem Angestellten-Duo Dr. Eva Rosalene und Dr. Neil Watts, die wir bei ihrem Auftrag steuern, einem Mann namens Johnny Wyles neue Erinnerungen einzupflanzen. Denn der liegt im Sterben und ihr Arbeitgeber bietet eben solchen Leuten an, quasi als letzten Service, ein wenig an ihrem Gedächtnis herumzudoktorn. So ist To the Moon eher ein psychologisches Drama, das in die geistigen Tiefen des Menschen einsteigt und uns mit einem zwinkernden und einem tränenden Auge durch die verschiedenen Lebensabschnitte von Johnny führt.

Wir haben es also viel weniger mit einem richtigen Spiel zu tun, als vielmehr mit einem grafischen Textadventure. Das hatte mich zwar zunächst abgeturnt, allerdings ist die Geschichte wirklich interessant geschrieben und bewegend. Das liegt zum einen an dem angenehmen Kontrast aus Tragik und Humor, wie beispielsweise dem trotteligen Forscherduo, das Johnnys Erinnerungen erlebt, kommentiert und sich an der Aufklärung der Frage um das Mysterium festbeißt, warum ihr Auftraggeber sich so sehr wünscht, den Mond zu sehen. Zum anderen aber auch an dem tollen Soundtrack, um den es jetzt geht. Kurz vorher möchte ich mich aber noch den über 50.000 positiven Kritiken auf Steam anschließen und sagen: kann man mal spielen, dauert auch nur knapp vier Stunden – oder man schaut sich ein Let’s Play an.

Der Score

Der Soundtrack stammt ebenfalls von Kan Gao, der sich für drei Tracks Unterstützung von Laura Shigihara geholt hat, die wir beispielsweise schon vom fantastischen Plants vs. Zombies-OST kennen. Hier spielt sie indes die zweite Geige, denn die restlichen 28 Stücke von Gao sind durch die Bank auf hohem Niveau, tendenziell allerdings eher etwas für Klavierliebhaber und Romantiker.

Als jemand, der das Spiel durchgespielt hat und die Geschichte rund um Johnnys Wunsch, zum Mond zu fliegen, kennt, berührt mich die Musik vielleicht anders als Nichtkenner. Aber auch Uneingeweihten könnten das bedrückend schöne Born a StrangerKan Gao5 oder das verträumte For River – Piano [Johnny’s Version]Kan Gao5 eine Träne entlocken. Gao driftet jedoch nicht ins Pathetische ab, sondern navigiert den schmalen Grat einer Rom-Com meisterlich. Beispiel hierfür ist direkt das Main Theme To the MoonKan Gao4, das gleichsam gefühlvoll und verspielt daherkommt, antreibt und ebenso zum Treibenlassen einlädt.

Als Kontrast in der Musik nutzt Gao die beiden Forscher, deren Musik eher amüsant daherkommt: Between a Squirrel and a TreeKan Gao4 ist mit seiner Kombination aus Pizzicato-Klängen und Oboe augenzwinkernd neugierig, während man bei Bestest Detectives in the WorldKan Gao4 unweigerlich an den neunmalklugen Schüler denkt, der gerade oberlehrerhaft den Finger erhoben hat. Und selbst das Too Bad so SadKan Gao1 ist trotz seiner Dauer von gerade einmal neun Sekunden aufgrund der überzogenen Theatralik unweigerlich komisch.

Hinzukommen an Professor Layton oder Trine erinnernde Mystery-Tracks wie Spiral of SecretsKan Gao4 und Uncharted RealmsKan Gao4, Feel-Good-Musik bei Take Me AnywhereKan Gao4 und World’s Smallest Ferris WheelKan Gao4 sowie wirkungsvoll bedrohliche Action-Tracks (TeddyKan Gao5, Beta-BKan Gao5), die fast schon als Hommage an große japanische Rollenspiele Marke Final Fantasy durchgehen könnten.

Das Herz des Soundtracks bleiben derweil die tief emotionalen Stücke, die die Geschichte rund um Johnny und seine Sehnsucht auf ein ganz neues Level heben. Das Theme um River, Johnnys Liebe, ist in all seinen Variationen wunderschön. Having LivedKan Gao4 und Lament of a StrangerKan Gao4 sind bitter melancholisch, MoongazerKan Gao4 und Anya by the StarsKan Gao4 dagegen verträumt, und bei Once Upon a MemoryKan Gao4 wird sogar mal die Gitarre rausgeholt – schön!

Das Einzige, was man an dem OST bemängeln kann, sind die Tracks an sich, die nicht nur alle recht kurz sind – was an sich kein Problem wäre – sondern oft auch unvermittelt enden. Meine Überprüfung hat zwar gezeigt, dass es sich hier nicht um einen technischen Defekt handelt, trotzdem hat man häufiger das Gefühl, dass ein Fade-Out sicher nicht geschadet hätte. So bleiben die Stücke zwar angenehm snappy und eingängig, richtig rund wirkt es jedoch nicht. Schade!

Aber das soll es auch mit der Kritik gewesen sein, denn To the Moon braucht nicht viele Worte. Es schafft es, in vier Stunden eine Story zu erzählen, die einem nähergeht als mancher Hollywoodstreifen. Das Ganze nur von einer Person, die darüber hinaus auch einen der besten Indie-Scores komponiert hat – großartig. Umso trauriger, dass es To the Moon trotzdem nicht in meine Top 10 der besten Indie-Scores geschafft hat. Wer stattdessen darin gelandet ist, könnt hier dort nachlesen.

01
To the Moon
Kan Gao
4 04:56
02
Between a Squirrel and a Tree
Kan Gao
4 01:18
03
Spiral of Secrets
Kan Gao
4 01:06
04
For River - Piano [Sarah & Tommy's Version]
Kan Gao
4 02:58
05
Bestest Detectives in the World
Kan Gao
4 01:16
06
Too Bad so Sad
Kan Gao
1 00:09
07
Teddy
Kan Gao
5 00:42
08
Uncharted Realms
Kan Gao
4 01:08
09
Having Lived
Kan Gao
4 01:21
10
Moonwisher
Kan Gao
5 02:10
11
Born a Stranger
Kan Gao
5 01:41
12
For River - Piano [Johnny's Version]
Kan Gao
5 01:39
13
Lament of a Stranger
Kan Gao
4 01:06
14
Everything's Alright (Music Box)
Laura Shigihara
4 00:40
15
Moongazer
Kan Gao
4 02:15
16
Anya by the Stars
Kan Gao
4 02:15
17
Take Me Anywhere
Kan Gao
4 01:00
18
Warning
Kan Gao
1 00:09
19
Beta-B
Kan Gao
5 01:06
20
World's Smallest Ferris Wheel
Kan Gao
4 00:35
21
Once Upon a Memory
Kan Gao
4 02:25
22
Once Upon a Memory [Piano]
Kan Gao
4 01:35
23
Everything's Alright
Laura Shigihara
4 03:25
24
Everything's Alright (Reprise)
Laura Shigihara
4 00:58
25
Tomorrow
Kan Gao
5 02:10
26
Launch
Kan Gao
5 01:57
27
To the Moon - Piano [Ending Version]
Kan Gao
4 05:15
28
Eva's Ringtone
Kan Gao
1 00:04
29
Trailer Theme, Part 1
Kan Gao
4 01:43
30
Trailer Theme, Part 2 (feat. Laura Shigihara)
Kan Gao
4 01:49
31
Trailer Theme, Part 2 [Instrumental]
Kan Gao
4 02:00

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert