Commandos 2: Men of Courage
Solide, Atmosphärisch, Schön
Ich bin kein geduldiger Mensch – so viel lässt sich sagen. Früher habe ich jede Autofahrt, die länger als 10 Minuten ging, in die Einheit „Sendung mit der Maus“ umgerechnet, um einen Vergleichswert zu haben. Ich habe den Schulweg mit dem Fahrrad in sieben Minuten geschafft, obwohl es nach der StVO zehn hätten sein müssen. Und auch heute nehme ich mir gerne ein Mietrad, um mir langweilige und -wierige Gänge zu ersparen. Ich hasse es einfach, wenn ich meine Zeit als ‚verschwendet‘ erlebe … und trotzdem liebe ich Echtzeit-Taktikspiele.
Zuletzt konnte ich dieser Faszination in den Titeln des deutschen Entwicklungsstudios Mimimi Games (Shadow Gambit, Shadow Tactics, Desperados 3) nachkommen, bevor es Ende 2023 leider zugemacht hat. Auslöser für diese Faszination dürfte wohl die Commandos-Reihe sein. Deren ersten Teil Hinter feindlichen Linien durfte ich im zarten Kindesalter bei meinem älteren Cousin sehen, der mit weiteren Einblicken in Command & Conquer: Tiberian Sun und Counter-Strike sein Verständnis vom Thema Jugendschutz eindrucksvoll zur Schau stellte.
Selbst spielen konnte ich dann erst Jahre später, nachdem mich der zweite Teil, Commandos 2: Men of Courage, über einen Freund erreichte. Der hatte selbst irgendwann entnervt aufgegeben, da die langatmigen Level und das minutiöse Planen und Taktieren ihm jeden Spielspaß geraubt hatten. Bei mir war es genau umgekehrt: Ich habe mich über jeden Fortschritt gefreut, mein Voranschreiten genau durchdacht. Meine persönliche Challenge dabei: Jeden Gegner, jede Wache und alles, was über einen Sichtkreis verfügte, auszuschalten – waffenlos.

Aber worum geht’s überhaupt? Naja, der Name verrät es schon halb: Wir steuern eine Gruppe von Spezialsoldaten, den namensgebenden Commandos, die in den Wirren des 2. Weltkriegs die Machenschaften der Nazis sabotieren. Jedes der Teammitglieder, vom neoprenüberzogenen Taucher bis zum muskelbepackten Green Beret, der meist das Cover der Reihe ziert, verfügt dabei über ein Arsenal an besonderen Fähigkeiten und Gegenständen. Durch meinen Spielstil fielen natürlich Nützlichkeiten wie das Scharfschützengewehr des Snipers raus, was manche Abschnitte zur Geduldsprobe mutieren ließ.
Wie gut das Spiel aufgrund des Fehlens gängiger Komfortfeatures moderner Genrevertreter gealtert ist, kann ich heute nicht mehr einschätzen. Vor Kurzem kamen zwar ein Remaster der ersten drei Games auf den Markt, die sollen jedoch qualitativ mittelmäßig sein, weshalb ich gar nicht erst reingeschaut habe. Anschauen ist hierbei ein gutes Stichwort, denn das originale Commandos 2 sieht auch heute noch hervorragend aus. Der zeitlose Iso-Look mit 2D-Hintergründen und 3D-Figuren funktioniert auch 2026 noch, wenngleich ich mich über ein gelungenes Remaster mit besserer Auflösung gefreut hätte. Ein wenig juckt’s mich schon in den Fingern.
Der Score
Der Komponistenwechsel, der sich bei der Erweiterung Im Auftrag der Ehre für den Vorgänger ankündigte, wurde bei Men of Courage nun vollständig umgesetzt. Statt Motivbegründer David García-Morales Inés ist erneut Mateo Pascual für die Werke verantwortlich. Der spanische Komponist, der seiner Homepage zufolge auf eine überschaubare Menge an Engagements zurückblicken kann, verzaubert mich im Original-Soundtrack-Album mit insgesamt 29 Tracks.

Der Stil erinnert durch seine MIDI-Klänge aus Synthie-Strings und -Beats zum Teil an die frühen Heroes of Might and Magic-Teile oder auch The Elder Scrolls II: Daggerfall. Dieser inhaltliche Bruch, den man aus heutiger Sicht leicht hereininterpretieren könnte (Weltkrieg gegen Fantasy), dürfte größtenteils den technischen Limitierungen geschuldet sein. Früher klang halt vieles ähnlich – siehe Tomb Raider. Gerade mit Blick auf noch deutlichere Einschränkungen, zum Beispiel die Chipmusik des Gameboys, ist der einzige Differentiator zwischen einem Pokémon und einem Mega Man die Qualität der Melodien.
Um an dieser Stelle Andreas aus Frauentausch zu zitieren: „Es ist Qualität im Haus.“ Diese erreicht Pascual durch eine wiederkehrende Instrumentalisierung in Form der dominanten Bläser und hohen Streicher, die in so gut wie jedem der Tracks an der einen oder anderen Stelle auftauchen – ähnliche Klänge kennen wir übrigens auch schon aus Disciples: Sacred Lands von Sébastien Thifault. Ich werde nicht müde, zu erwähnen, wie wichtig diese Form von Stringenz und Kohärenz ist, und Leitmotive sowie -instrumente sind der Schlüssel für ein rundes Erlebnis. Auch neue Ansätze wie die sirenartigen, weiblichen Vocals (Road to War: On the Road) setzen wiederkehrende Spitzen.
Besonders gut hören wir dieses Zusammenspiel in Road to War: Deployment, das wegen seiner vielseitigen Mischung aus Agentenfeeling am Strand, 80er-Jahre-Serie und Weltkriegsdrama seinen Weg in die dritte Ausgabe meiner Top 100-Liste geschafft hat. Der Song taucht im Album erneut auf, dieses Mal in einer schnelleren Variante als Sinking Shinano, die mir ähnlich gut gefällt. Um den verschiedenen Schauplätzen wie Thailand oder den Salomonischen Inseln musikalisch Rechnung zu tragen, lässt der Komponist hin und wieder stereotype Orient- und Asiaklänge (River Kwai,Danger Awaits,Seeking the Peace of the Soul) einfließen. Das passt zum Setting und fügt sich elegant ins Gesamtbild ein, ohne nervig zu werden.

Der Soundtrack bleibt trotz seiner Gleichartigkeit derweil nicht gleichförmig. Immer wieder tauchen die bekannten Instrumente in kompositorischen Experimenten auf, die von unterschiedlicher Qualität sind. Während White Death klingt, als würden zwei Tracks gleichzeitig spielen, hat Night Guard einen fast schon tribalartigen Rhythmus, der zum Mitgrooven einlädt. Andere Ausnahmen sind das durch seine Harfe fantasyartig anmutende I Don’t Want to Remember sowie das konspiratorisch, Tuba-gewichtige See You Soon?. Zu meinen Favoriten zähle derweil noch A Storm Is Coming, das durch seine Trompete nochmals starke Parallelen zu Disciples offenbart; und Silent Killers, dessen sich steigernde Dramatik etwas Befriedigendes besitzt.
Der Komposition gelingt hierbei den Balanceakt zwischen unaufdringlichem Hintergrundakteur und markantem Hauptdarsteller. In ihrem Kern bleibt es allerdings Musik für ein Stealth-Game, die an manchen Stellen brillant, an anderen nach 80er-Jahre-TV klingt. Mit meiner Nostalgie bleibt mir nichts anderes übrig, als sie zu preisen, auch wenn das Album keine musikalische Revolution darstellt. Aber das muss es ja auch nicht, manchmal reicht ja eine gezielte, kleine Operation für einen durchschlagenden Erfolg.
- Auch enthalten in: Commandos: Beyond the Call of Duty




