Anno 1503
Größer, schöner, besser?
Anno 1503 war in allen Belangen eine gelungene Fortsetzung des Urvaters Anno 1602 und setzte die bis heute anhaltende Nummerierung der Serie mit der Quersumme 9 in Gang. Durch poliertes Gameplay und, zumindest gefühlt, weniger schwer als der Vorgänger, bestach das Spiel Anfang der 2000er mit schönerer Grafik, mehr Warenketten und Features. Deshalb versenkte ich damals viele Nachmittage in die Siedelsimulation und verwaltete stolz mein kleines Inselreich – auf einfachem Schwierigkeitsgrad, versteht sich. Zusätzlich zum erweiterten spielerischen Inhalt gesellte sich zudem ein dicker Soundtrack in Form von knapp 70 Files im Spieleordner dazu. Es handelt sich also nicht direkt um einen OST, sondern einen Gamerip.
Der Score
Alexander Röder, damals noch beim Entwicklerstudio Sunflower angestellt (heute bei Dynamedion, der deutschen Kreativschmiede, die seit Anno 1701 die Orchestrierung des Soundtracks übernimmt), trat ein aus meiner Sicht schweres Erbe an. Auch wenn Markus Pitzer meines Wissens nach heute Wandertouren und Soundsamples anbietet, kassiert der Soundtrack von Anno 1602 von mir – nostalgiegeschuldet – fast nur Bestnoten. Vielleicht war mein Musikgeschmack vier Jahre später etwas differenzierter, oder das Rosa der Verklärungsbrille stärker verblasst. Auf jeden Fall gefallen mir hier zwar immer noch viele Tracks sehr gut, im direkten Vergleich aber deutlich weniger.
Dabei macht der Komponist eigentlich alles richtig. Das Jahr ist 1503, wir befinden uns im Übergang vom Mittelalter in die Renaissance. Passend dazu hören wir größtenteils feudale Klänge, die ein wenig an die Stronghold-Reihe oder Die Gilde-Spiele erinnern: Bläser und Percussion, Zupfinstrumente und teilweise auch Streicher. Der Mix funktioniert gut, die ruhigen Stücke passen angenehm zum unaufgeregten Bauen und Planen. Hier wurden, wie beim Vorgänger auch, unter anderem Stücke klassischer Komponisten wie LacrimosaWolfgang Amadeus Mozart oder RequiemWolfgang Amadeus Mozart verbaut (etwas paradox, wenn man bedenkt, dass Mozart doch erst 200 Jahre später geboren wurde) sowie Seemannslieder wie ScarboroughMark Anderson und Capture TripEdmond de Coussemaker, das man textlich mit ‚Alle, die mit uns auf Kaperfahrt fahren‘ kennt. Hinzugesellen sich Eigenkreationen, die allesamt stimmig ins Gesamtbild passen.

Bei meiner Recherche diesbezüglich fand ich heraus, dass der Track PeacefulAlexander Röder wohl später aus dem Spiel entfernt wurde. Wer reinhört kann sich denken, warum der Entwickler wahrscheinlich Angst vor rechtlichen Konsequenzen hatte… Die Fight-Tracks fallen dagegen etwas ab: Mit guten, aufpeitschenden Melodien (BuccaneersAlexander Röder) und uninspirierten Helden-Fanfaren à la Zurück in die Zukunft (The CampaignAlexander Röder) reichen sie leider nicht an die dramatischen Klavierstücke von Anno 1602 heran. Was mir hingegen wieder sehr gefällt, ist der häufiger Einsatz des Dudelsacks, der zum einen gut zur Instrumentalisierung des Feudalen dient, andererseits aber auch eine Verbindung zwischen der Entdeckung von unbekannten Inseln mit der Seefahrernation Großbritannien herstellt.
Eines der neuen Features, das sich auch im Soundtrack bemerkbar macht, sind zudem die verschiedenen Eingeborenen-Stämme, auf die wir treffen können. Passend dazu gibts stereotype Tracks, mal mit nativ-amerkianschem Kriegsgeheul (On the WarpathAlexander Röder), mal mit dem beinah synonymen für die asiatische Kultur stehende Guzheng-Gezupfe (The KhanAlexander Röder). Venedig klingt dagegen schön abgehoben und aristokratisch (RondoAlexander Röder, VeniceAlexander Röder etc.) und sogar für ein Piraten-Shanty hats gereicht (Honky-TonkAlexander Röder). Der RaindanceAlexander Röder der Azteken erinnert mich indes an einen Battle-Track aus Heroes of Might and Magic II, und VillageAlexander Röder ist eine Hommage an das Hauptthema des Vorgängers. Wir halten fest: entspannte Mittelaltermucke? Check. Dudelsacklastige Schlachtmusik? Check. Ein Haufen unnötig kurzer, stereotyper Kulturtracks? Check. Und eine Menge Nostalgie, die das Ganze viel zu gut wegkommen lässt? Aber so was von check!




