Darksiders Genesis
Auf Strife
„Genesis, die – Genesis, auch [ˈɡeːn…]“: So beschreibt der Duden die biblische Schöpfungsgeschichte aus dem 1. Buch Mose. Es ist das Alpha, der Beginn allen Seins und des Werkes Gottes. Vor diesem Hintergrund ergibt es durchaus Sinn, dass das 2019 erschienene Spin-off der Darksiders-series, Darksiders Genesis, das Geschehen in die Top-Down-Perspektive verlagert hat. Die klassische Third-Person-Ansicht ist damit Geschichte. Stattdessen blicken wir nun gottgleich auf das Spielgeschehen herab – eine Perspektive, die für das Hack-and-Slay-Genre à la Diablo or Hades beinahe unerlässlich scheint. Und genau in diese Kerbe schlägt Darksiders Genesis.
Was wir dabei zu sehen bekommen, ist einerseits die konsequente Beibehaltung des markanten Comic-Looks der Reihe und andererseits ein spielerisch grundsolider Titel von Entwicklungsstudio Airship Syndicate (Battle Chasers: Nightwar), der mit einem Metascore von 77 (User Score: 7.5) sogar besser abschneidet als der direkte Vorgänger der Hauptserie, Darksiders III. Doch nicht alles ist neu: Mit War steuern wir ein bekanntes Gesicht, war der apokalyptische Reiter doch bereits der Protagonist des allerersten Serienteils. Ihm zur Seite steht nun der letzte im Bunde des Reiter-Quartetts: „Strife“ (zu Deutsch: Streit).
Während seine Geschwister wahlweise mit Schwert, Sense oder Peitsche hantieren, sucht dieser Bruder den Konflikt lieber aus der Distanz: Im Akimbo-Style und bester Tomb Raider-Manier ballert er sich durch die Reihen diverser Dämonen und anderer Gestalten aus dem christlichen Glaubenskanon. Wie tiefgreifend die Story tatsächlich ist und ob das Spielprinzip auf Dauer trägt, vermag ich nicht abschließend zu beurteilen, da mich die Darstellung persönlich nicht vollends abholen konnte und ich diesen Teil der Reihe deshalb nicht gespielt habe. Das angekündigte Darksiders 4 wird da hoffentlich wieder eher meinen Geschmack treffen.
Zum Score
Was hingegen über jeden (göttlichen) Zweifel erhaben ist, ist der dazugehörige Soundtrack. Komponiert wurde dieser von Gareth Coker, der sich in den letzten Jahren mit seinen Arbeiten zu Immortals Fenyx Rising (2020), Ruined King: A League of Legends Story (2021) oder Mario + Rabbids Sparks of Hope (2022) – und nicht zuletzt durch die preisgekrönten Ori-Soundtracks – einen festen Platz in meiner persönlichen Hall of Fame gesichert hat.

For Darksiders Genesis liefert der Brite Musik auf Topniveau ab, die es mühelos mit den Klängen der Hauptspiele aufnehmen kann. Charakteristisch für seinen Stil ist das Zusammenspiel aus gefühlvollen Streichern, einem wuchtigen Orchester und epischen Chorelementen. Der „Choir Vania Moneva“ ist in diversen Stücken des OSTs zu hören; Coker setzte ihn bereits für seine Arbeit an Halo: Infinite ein. Wie sich diese Versatzstücke zu einer glorreichen Gesamtkomposition vereinen, veranschaulicht der Track AstarteGareth Coker hervorragend.
Das Stück beginnt mit einer weiblichen Stimme (laut Credits Kelsey Mira), die im Duett mit dem Klavier eine Atmosphäre der Weite und des Friedens schafft. Dieser Eindruck wird jedoch jäh erschüttert, wenn das Orchester nach anderthalb Minuten mit jener Gewalt losbricht, die man bereits aus den Ori-Spielen kennt. Es ist ein kurzes, mächtiges Aufbäumen, bevor sich ein stetiger Beat dazugesellt. Der Track nimmt Fahrt auf, wird nach weiteren zwei Minuten erneut vom Chor getragen und gipfelt nach sechs Minuten in jenem Orchesterbombast, für den ich den Komponisten so schätze.
Dieser Aufbau – der ruhige Einstieg gefolgt von einer klanglichen Explosion – ist symptomatisch für den Score von Darksiders Genesis. Die einzelnen Stücke folgen oft einer ähnlichen Struktur, was die Gleichförmigkeit der Entwicklung schnell deutlich macht. So beginnen auch Inferno VaultGareth Coker and The HoldbackGareth Coker entspannt und steigern sich erst mit der Zeit. Diese Ähnlichkeit stört jedoch keineswegs, da Coker den klassischen Score mit unkonventionellen Elementen wie einem markanten Schlagzeug (The HoardGareth Coker) oder Dubstep-artigen Synths bereichert, die Tracks wie BelialGareth Coker klanglich in die Nähe der Borderlands-Reihe rücken.

Besonders die Streicher sind es, die Stücken wie Icebind CavernGareth Coker or Bastion’s FallGareth Coker eine Seele einhauchen. Während Ersteres fast schon neutral wirkt und erst gegen Ende die eisige Atmosphäre seines Schauplatzes heraufbeschwört, schwankt Bastion’s FallGareth Coker zwischen bittersüßer Melancholie und kalter Wut – oder gar purem Hass. Obwohl der Track CreditsGareth Coker den Score musikalisch in seiner Gesamtheit einfängt, findet sich die gelungenste Kombination aus Klassik und Moderne im Main Theme Darksiders GenesisGareth Coker, das zwischen emotional bewegenden und dramatisch-fatalistischen Momenten hin- und herwandert.
Ein weiterer Grund für die Kohärenz des Albums ist das Leitmotiv, das Coker im dramatischen DethronedGareth Coker etabliert: Ein klagender Chor in einer treppenartigen Tonfolge, die ins Schrille abdriftet. Dieses wiederkehrende Element begegnet uns immer wieder, etwa in The Slag PitGareth Coker, Dredge WorksGareth Coker und besonders im opulenten Endboss-Track MolochGareth Coker. Das Motiv verleiht dem Score eine eigene Identität, auch wenn Kenner des Komponisten hin und wieder Ähnlichkeiten zu seinen anderen Werken bemerken werden – etwa bei MammonGareth Coker, das wie das League of Legends-adventure Ruined King beginnt und zur Hälfte stilistisch in Richtung Ori tendiert. Von mir gibt es für diese gelungene Komposition zwei gen Himmel gereckte Daumen.




