Teamfight Tactics
Teamfight Tactics
Wechselnde Taktiken
Wie heißt es so schön? Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. Bestes Beispiel dafür dürfte Teamfight Tactics (shorted to TFT) sein, ein Autobattler-Spin-off des nach wie vor beliebten MOBAs League of Legends. Wer sich an meine dazugehörige Review erinnert – oder auch nur entfernt etwas von Videospielgeschichte weiß – kennt natürlich den Ursprung des E-Sport-Phänomens LoL. Das basiert auf Blizzards Dota, das wiederum seine Wurzeln in der gleichnamigen Warcraft III-Mod hat. Und genauso wie League of Legends eigentlich auf eine WC3-Mod zurückgeht, wurde auch dort durch eine andere Mod das Genre der Auto-Battler geboren … der Kreis schließt sich.
Der Name verrät eigentlich schon den Kern des Spielprinzips: In jeder Runde stellen wir immer stärker werdende Einheiten aufs Schlachtfeld, die in automatisch ausgetragenen Kämpfen die Reck*innen unserer Gegner besiegen sollen. Währenddessen gucken wir tatenlos vom Spielfeldrand zu und können nur hoffen, dass unsere Held*innen sich schlau genug anstellen.
Damals noch in seiner rohesten Form, ist das Genre als solches und Teamfight Tactics in der Konsequenz heute deutlich ausgereifter und geht über pures Glücksspiel weit hinaus. Positionierung, Teamzusammenstellung, Itemization sowie strategische Win- und Losestreaks sind essenziell. Das Finden der richtigen Taktik ist folglich das, was viele Spieler*innen reizvoll finden und uns als Spielende vom Zuschauer zum Mastermind erhebt.
Ich persönlich verstehe den Appeal, doch habe ich durch meine Hearthstone-Zeit schon genug Stunden in diversen Matches verbracht, um zu wissen, dass ich a) zu doof und b) zu unflexibel bin, um Strategiespiele kompetitiv mitzocken zu können. Da mir mit meinen 33 Jahren allerdings auch langsam die Reflexe flöten gehen, sind Shooter in absehbarer Zeit ebenso raus wie Rennspiele – und für Wirtschaftssimulationen bin ich zu doof. Muss ich mir bald ein anderes Hobby suchen? Vielleicht.

Der Score
Egal, genug dieser existenziellen Sorgen und zum Soundtrack gesprungen. Wie für ein saisonal wechselndes Spiel üblich, gibt es für Teamfight Tactics keinen zusammenhängenden Score, sondern einzelne Alben zu den jeweiligen Sets. Denn um dem Spiel eine gewisse Frische einzuhauchen (und damit sich niemand auf den Schlips getreten fühlt, weil sein oder ihre LoL-Lieblingsheld*in nicht als ‚legendäre‘ Einheit auftaucht), rotieren Roster und thematische Schwerpunkte regelmäßig. Mal geht’s um Roboterinversionen, mal Sailor Moon-artige Heroinnen – alles natürlich anhand vorhandener Skins aus dem Hauptspiel.
Mittlerweile befinden wir uns Stand Januar 2026 in Set 16 mit dem Titel Lore & Legends. Auf der Suche nach den dazugehörigen Scores bin ich nur auf Spotify und Apple Music fündig geworden. Wie nicht anders zu erwarten war, wurden die Scores der frühen Tage von Teamfight Tactics nicht veröffentlicht. Zuvor waren nur Versatzstücke der TFT-Tracks von Kole Hicks im Score zum Hauptspiel (Season 9) untergebracht worden. Das erste eigenständige Album taucht tatsächlich erst beim 9. Set von 2023 auf. Ab dann bekamen alle folgenden Seasons/Sets einen eigenen OST.
Wie man es indes vermuten konnte, schmiegt sich die Musik der Alben eng ans Themenkorsett der jeweiligen Rotation. Die Qualität rangiert dabei von nettem Hintergrundgedudel bis hin zu orchestralen Cinematic-Stücken, die en par mit der Qualität des Hauptspiels sind – was wenig überrascht, arbeiten die Kreativen beider Spiele doch eng miteinander. Leider hält es Riot Games wie viele andere große Publisher bei der Benennung der Komponist*innen simpel und lässt alles unter dem Handle Teamfight Tactics laufen. Eine kurze Recherche hat zwar diverse Namen hervorgebracht, sie sind jedoch wie immer bei Quelle Internet mit Vorsicht zu genießen. Kommen wir nunmehr zu den Alben.

Set 9: Runeterra Reforged (06/2023)
Beim offiziell ‚ersten‘ Album (da die acht vorherigen Sets keine offiziellen eigenen Scores hatten bzw. deren Songs vermutlich noch im League of Legends-Soundtrack enthalten sind) waren der thailändische Komponist Bill Hemstapat und US-Amerikaner Kole Hicks am Werk. Während Hicks primär im LoL-Kosmos verankert ist, wirkte Hemstapat bei diversen anderen Großprojekten als Kreativkopf (Ghost of Tsushima: Iki Island, Demon Souls 2020) und Musikdesigner (God of War: Ragnarök, Days Gone) mit.
Für den musikalischen Auftakt liefern sie mit Teamfight Tactics: Runeterra Reforged direkt einen der wenigen Top-Songs ab. Der orchestrale Einstieg lässt sofort Erinnerungen an heroische Epen Marke Overwatch-Opus auferstehen, die jedoch schnell wieder eingefangen und etwas düsterer/dramatischer werden. Ein wenig The Elder Scrolls: Online, ein bisschen Marvel Rivals, und vor allem klassisches League of Legends, bietet dieser Score eine Opulenz, die deutlich mehr verspricht, als das eigentliche Spiel für mich halten kann. Aber manchmal ist die Verpackung ja auch einfach schön genug, um über den eigentlichen Inhalt hinwegzusehen.
Dieser typisch orchestralen Linie bleiben die Komponisten treu und servieren qualitativ hochwertige Fantasy-Kost ab, die dramatisch treibend (My Honeyfruit! [Launch Cinematic], Shrine of the First Lands: Triumph), bedächtig begleitend (Preparation) und dann düster im Badass-Style (Fragments from Runeterra, Part 2) daherkommt. Durch den leichten Asia-Touch in Stücken wie (Shrine of the First Lands: Duality) geht’s derweil in Richtung Kena: Bridge of Spirits, doch diese musikalische Ambivalenz ist nichts Ungewöhnliches für einen League-Score … und das ist Teamfight Tactics nach wie vor. Kann man gut machen!

Set 10: Remix Rumble (11/2023)
With Remix Rumble ist der Name Programm, geht es in diesem Set doch thematisch um die Kombination von Champions und ihren Themes, unterteilt in die drei Komponenten Melodie, Bass und Trommeln. So erklärt es zumindest das fan wiki, ganz verstanden habe ich das System derweil nicht. Was ich mir vorstellen kann, ist, dass die Themes der jeweiligen Champions musikalisch verbaut wurden. Überprüfen kann ich das bei der schieren Fülle von mittlerweile 172 Held*innen mit eigenen Motiven nicht – man möge mir verzeihen.
Entsprechend bunt ist die Tüte, die uns die Komponist*innen Kole Hicks, Jason Walsh, J.D. Spears (Chivalry 2), Bill Hemstapat, Seth Tsui und Brendon Williams (Destiny 2: Forsaken + The Edge of Fate, Guild Wars 2: Path of Fire, Icebrood Saga + Visions of Eternity) gepackt haben. Mein persönlicher Highlighttrack, REMIX RUMBLE [Steve Aoki Remix], mischt E-Gitarren und eine dominante Viola mit Dubstep-artigen Beats, während Songs mit K/DA (K-Pop) und Pentakill (Meal) im Namen die Genres der fiktiven Band bedienen. Neon Nightlife (Disconauts) bringt 80er Disco-Feeling, Pressure’s on (Tranceformer) Electrogeschwindigkeit Marke Need for Speed.
Meine Lieblingsriege sind die Tracks, in denen die Violine in bester Lindsey-Stirling-Manier durch Popbeats gestützt umhertanzt – bestes Beispiel: Orchestrated Chaos. Das führt uns anhand des Streichinstruments durch die meisten der vertretenen Genres und fasst das Album ganz gut zusammen. Mit seiner wilden Mischung dürfte Remix Rumble musikalisch wohl das auffälligste und abwechslungsreichste Set darstellen. Mir gefällt hier vieles sehr gut, selbst wenn es nicht für eine Topwertung reicht.

Set 11: Inkborn Fables (03/2024)
In Inkborn Fables geht es – der Name verrät es bereits – wieder etwas klassischer fantastisch zu. Komponist J.D. Spears durfte allem Anschein nach allein ran und präsentiert uns 13 Tracks, wovon über die Hälfte kaum die Minutenmarke knackt. Entsprechend lässt sich das Album in gut 23 Minuten durchhören. Inhaltlich erwarten den/die geneigte*n Hörer*in Klänge aus Fernost, dreht sich das Set doch um das Lunar-Event, das League of Legends-Pendant zur chinesischen Neujahrstradition.
Wir dürfen uns also auf allerlei bekannte Asiatropen freuen, von der chinesischen Bambusflöte Dizi (笛子) bis zum Guzheng (das Zupfinstrument, nicht der männliche Verwandte). Besonders schön finde ich hier Immortal’s Journey to a Celestial Court, dessen Einstieg mich interessanterweise an die Musik zu Death’s Door .

Set 12: Magic N‘ Mayhem (07/2024)
Mit „Irgendwas zwischen Harry Potter and Drachenzähmen leicht gemacht“ ist das Theme Magic n‘ Mayhem ganz gut umrissen. Die Komponistenriege von Bill Hemstapat, J.D. Spears, Merlin Cen und Seth Tsui beschreitet in den dazugehörigen neun Tracks den bekannten wie verwunschenen Pfad lustig magischer Missetaten und schelmischer Zaubereien, wie man ihn aus Spiel, Film und Serie zur Genüge kennt.
Aus dem Immergleichen der Gute-Laune-Melodien bricht nur Tea Time Turmoil aus, das mit seinen Männerchören und dominanten Streichern Weltuntergangsstimmung verbreitet. Das mag als bewusst übertriebene Spitze zur Kontrastierung der Fall Guys-artig knuddeligen Zauberzärtlichkeit gedacht sein (besonders deutlich in Café Cuties and Dance with the Bunnies), mir gefällt‘s – allein schon, weil immer wieder Parallelen zu Tschaikowskys Nussknacker-Fantasie aufblitzen. Insgesamt bleibt das Album durch seinen thematischen Fokus und trotz der Qualität der Komposition vergleichsweise belanglos.

Set 13: Into the Arcane (11/2024)
Das 13. Set dreht sich ganz um die gleichnamige und höchst empfehlenswerte Animationsserie zu League of Legends, called Arcane. Die handelt von dem Geschwisterpaar Jinx und Vi und beleuchtet, wie aus dem unzertrennlichen Waisenduo diametrale Feinde wider Willen wurden. Für den Score des TFT-Sets wurde erneut J.D. Spears beauftragt, der dieses Mal nur sechs Tracks abliefert. Die besitzen aufgrund des narrativen Vorbilds derweil mehr Tiefe als die quirlig unterhaltsame Begleitmusik der anderen Sets.
Der Einstieg, Into the Arcane, baut ein langsames, hoffnungsfrohes Narrativ auf, um durch Arcane Reflections abgelöst zu werden. Das setzt – ganz im Stile der Serie – auf ansteigende Orchestergewalt. Carousel of Progress taucht derweil kurzzeitig in die Untiefen eines Batman-Streifens ab, in Little Nightmares kommt dann das erste Mal der markante Mix aus Drama und Pop-Beats zum Einsatz, der der Serie ihren unverkennbaren Style verleiht. Ich find‘s super, an die Intensität des TV-Vorbilds kommt die Musik allerdings nicht heran.

Set 14: Cyber City (04/2025)
Wenn das Set schon das Wort „Cyber“ enthält, sollte die Musikrichtung des dazugehörigen Albums klar sein. Wenig überraschend schlagen die Komponist*innen J.D. Spears, Max Davidoff-Grey und Bill Hemstapat den Pfad der Electronic ein und begrüßen uns Zuhörende direkt mit der Electronic-Ballade Cyber City Lights, gesungen von der russischen Sängerin AnDy Darling (Anastasia Dunaeva). Die macht mir 5/5 Sterne Bock und setzt den Ton für das Cyberpunk-artige Abenteuer.
Statt nur Nonstop-Action treten auch die versunkenen Töne an die neonbeleuchtete Oberfläche: Rain and Neon ist gemächliches Hintergrundrauschen, das unseren Puls auf Betriebstemperatur hält oder im Fall von All Is Possible or Like a Ticking Bomb etwas erhöht. Risking It All hält unsere Aufmerksamkeit ebenfalls in seinem Griff, nur dieses Mal durch die düstere Bedrohung, die uns die ferne Zukunft verspricht. Richtig dramatisch wird’s nur in Project 2038, das erst zum Ende versöhnliche Töne anschlägt.

Set 15: K.O. Coliseum (07/2025)
K.O. Coliseum war die 15. Ausgabe und das aktuelle Set von Teamfight Tactics und wurde mit Patch V15.1 für öffentliche Server verfügbar gemacht. Dieses Set enthielt eine Sammlung von Champions, Ursprüngen und Klassen, die sich um Crystal Rose, God Weapon, Luchador, Monster Tamers, Neon Strata, Odyssey, Star Guardian, Super Planet Force Savers, Soul Fighter und Supreme Cells aus dem League of Legends-Skin Multiverse drehten.
So besagt es das League of Legends–wiki. Wer nun aus seinem Gesichtskabinett die Ausdrucksvariante „Verwirrt“ gewählt hat, dem/der geht es wie mir. Nach nunmehr zehn verpassten Seasons bin ich vollständig raus aus dem LoL-Skin-Kosmos und habe keine Ahnung, welcher Champion wo wie auftaucht oder aussieht. Geht man rein nach der Ästhetik des Covers und ein paar der oben erwähnten Namen, liegt die Vermutung nahe, dass das Ganze wohl etwas mit dem Thema Wrestling zu tun haben dürfte.
Sollte dies stimmen, ist die Musik der Komponist*innen Laryssa Okada, Merlin Cen, JianAn Wang und Ao Gong in Teilen jedoch zu Beginn zu handzahm und sphärisch. Look to the Sky and K.O. Coliseum (Stripped) bestechen durch simple Klaviermelodien und ruhige Beats eines Celestes, Mario Karts or Murder by Numbers. Besonders Full-Team Effort geht sehr in Richtung Fall Guys or Winning Grand Prix from Mario Kart 8, Rise Together weckt Erinnerungen an zeitgenössische Animes. Tatsächlich dürfte hier aber die Nähe zu den Star Guardian-Themes von League of Legends gesucht worden sein.
Dadurch scheint die Musik (gerade im Vergleich zum dramatischen 13. Set Into the Arcane) zunächst kindgerecht, doch zum Ende bekommt das Album mit Dawnbringer Falls and Nightbringer Rises noch einmal einen dramatischen Twist. Die einzigen schönen Ausnahmen sind das gefühlvolle A Clever Fox Is Never Caught and The Wind Is Calling Your Name, die ein wenig an die Ori-Spiele erinnern.

Set 16: Lore & Legends (12/2025)
With Lore & Legends waren dann wieder die OGs Kole Hicks, J.D. Spears und Alexander Temple am Start, die sechs Tracks klassische Fantasy abliefern. Die umfassen Motive, die wir bereits aus League of Legends kennen, auch wenn ich leider nicht mehr genau sagen kann, welche. Wie passend, dass mir da der Titel Too Many Champions aus der Seele redet. Ich meine, als ich mit LoL angefangen habe (ja, vorm Krieg), kam mit Leona der 72. Champion dazu – und das war schon eine Menge. Jetzt sind’s zusätzliche 100 mehr!
Zurück zur Musik: Um die zu beschreiben, dürfen wir uns im Buzzword-Bingo die Worte „dramatisch“, „actionreich“ und „epochal“ ankreuzen (Reawakening). Auf der anderen Seite stehen „gefühlvoll“, „bedächtig“ und „getragen“ (The Grand Library). In den Shurima-Tracks kommt noch etwas Orient-Flair dazu, insgesamt aber nichts, was wir nicht schon aus dem Hauptspiel und anderen Genrevertretern kennen.












