King Arthur: Knight’s Tale
Mystische Mittelmäßigkeit
Es ist bezeichnend, dass ich bei „König Arthur“ nicht direkt an Camelot, die Dame im See oder den Sagenkönig selbst denke, sondern an Männer, die, von Geklapper begleitet, pferdelos durch den Nebel hoppeln. Der Film Die Ritter der Kokosnuss hat sich so in meinen Kopf gegraben, dass mir der eigentliche Mythos rund um die Ritter der Tafelrunde im Britannien des 5./6. Jahrhunderts belanglos erscheint. Dabei gibt es viele Serien, Filme und nicht zuletzt Spiele, die sich mit der Thematik befasst haben.
Ein Entwicklungsstudio, das sich dem Thema besonders verschrieben zu haben scheint, sind die ungarischen NeocoreGames. 2009, also im selben Jahr wie ihr Erstlingswerk Crusaders: Thy Kingdom Come, erschien King Arthur: The Role-Playing Wargame. Nach diversen Addons, Nachfolgern für beide Spiele, der soliden Diablo-artigen Actionrollenspielreihe The Incredible Adventures of Van Helsing (2013 bis 2015) und einem Abstecher ins Warhammer-Universum mit Warhammer 40,000: Inquisitor – Martyr (2018) ging es 2022 mit King Arthur: Knight’s Tale zurück zu den Wurzeln.
Mit denen hat der Echtzeit-Taktik-Rollenspiel-Hybrid aber wenig zu tun und NeocoreGames sagt in einem Q&A selbst, dass man die Vorgänger nicht kennen muss, um die düstere Story zu verstehen. Wie in der Sage tötet Mordred seinen Vater Arthur und stirbt, doch beide kehren als Untote Wiedergänger zurück. Während Arthur durch böse Geister korrumpiert wird, erwählt die Dame im See seinen verräterischen Sohn, ihn zur Strecke zu bringen. Ein interessanter Twist, der von Publikum und Presse positiv aufgenommen wurde und dem Spiel Wertungen im oberen 70er-Bereich bescherte. Ich selbst habe – bis auf die Van Hellsing-Abenteuer – bisher noch kein Spiel der NeocoreGames gezockt, aber was man zu dem Game im Netz findet, sieht hochwertig aus.

Damit die Einleitung wenigstens noch etwas Substanz bekommt, zwei kleine Fun-Facts darüber, weshalb die Arthus-Sage zur damaligen Zeit so besonders war, die ich in einer YouTube-Doku gehört habe: Zum einen ist die Geschichte so mysteriös, da nicht klar ist, ob die Erzählung rein fiktiv ist oder auf einer historischen Figur aufbaut. Wo es bei den Nebendarsteller*innen wie dem Zauberer Merlin oder der Hexe Morgan le Fay (bzw. Morgaine, Morgain (la Fée) oder Morgana) wenig Raum für Spekulation gibt, stellt sich die Frage: Gab es einen König Arthus? Und war er überhaupt Brite, oder tatsächlich einer der römischen Besatzer, der sich von Rom lossagte?
Ein anderer Punkt, der die Geschichte besonders macht, steckt im Namen: Die Ritter der Tafelrunde, im Englischen „Knights of the Round Table“. Während bei einem normalen, viereckigen Tisch, durch die Sitzordnung Hierarchien etabliert werden – etwa vor Kopf als Gastgeber*in beim Bankett oder in der Mitte wie Jesus beim letzten Abendmahl –, suggeriert ein runder Tisch Gleichheit und Ebenbürtigkeit. „Brothers in arms“, die „Waffenbrüder“, die füreinander einstehen. Arthus machte sich also als Herrscher angeblich gemein mit seiner Gefolgschaft – Skandal! Doch genug der Geschichtsstunde, kommen wir zur Musik.
Der Score
Die 21 Tracks, die den dazugehörigen Original-Soundtrack (OST) bilden, wurden von Gergely Buttinger komponiert. Als Haus- und Hofkomponist versorgte der Veteran schon die Scores der vorherigen Titel der NeocoreGames mit musikalischer Untermalung. Für Knight’s Tale setzt der Ungar auf eine Kombination aus Trommeln, Streichern und Bläsern, die einen archaischen und vergleichsweise „primitiv-düsteren“ Vibe versprühen. Oder um es mit den Worten von meinem Kumpel Jacko zu sagen: „[track]In Pursuit of the Enemy[/track] klingt wie an Totenköpfen vorbeigehen.“

Treffender könnte ich das Gefühl nicht beschreiben, das über den Großteil der Laufzeit von 1,5 Stunden in dem Album transportiert wird. Die Musik hält sich trotz Titeln wie They AttackGergely ButtingerKing Arthur: Knight’s Tale oder Ambush in the ForestGergely ButtingerKing Arthur: Knight’s Tale primär im Hintergrund, Action wie bei Buttingers anderen Kompositionen für die The Incredible Adventures of Van Helsing-Reihe oder thematischen Artverwandten wie Darkest Dungeon fehlt. Stattdessen setzen Lieder wie A Twilight Breeze from HomeGergely ButtingerKing Arthur: Knight’s Tale oder The Lady of the WaterGergely ButtingerKing Arthur: Knight’s Tale (mit dem Gesang von Katya Grekova) auf mystisch feudale Klangtropen.
Anders als bei der Erzählung um Draculas Jäger oder die The Witcher-Spiele, die mit ihren Instrumenten auf slawische Folklore hindeuten, kommen bei Knight’s Tale andere klassische Krachmacher zum Einsatz: Zum einen das Koboz, eine ungarische Laute, die in Kombination mit den Flöten bei The Souls of the Lost KnightsGergely ButtingerKing Arthur: Knight’s Tale ordentliches Mittelalter-Flair erzeugt, und zum anderen die Drehleier – die heißt im Englischen übrigens „Hurdy-Gurdy“, was ich sehr witzig finde.
Ein wenig Bewegung bringen schnellere Trommelbeats in The Cursed Forest und Knights, After Me! und Ancient BloodGergely ButtingerKing Arthur: Knight’s Tale. Wobei Letzteres durch die Streicher in Richtung der frühen God of War-Spiele oder Hades geht. There Are No SurvivorsGergely ButtingerKing Arthur: Knight’s Tale und Who Returned from the DeadGergely ButtingerKing Arthur: Knight’s Tale haben durch das langgezogene Cello derweil einen leichten Assassin’s Creed IV: Black Flag-Anstrich, erreichen aber nie den Sog von Stücken wie Under the Black FlagBrian TylerAssassin’s Creed IV: Black Flag [Shanty Edition]. Mein persönliches Highlight ist das Credit-Thema Northern Lights, das die Erzählung zu einem gefühlvollen Abschluss bringt.

Fazit
Da mir die Alben von The Incredible Adventures of Van Helsing und dessen Nachfolger sehr gut gefielen, hatte ich hohe Erwartungen an Knight’s Tale. Dessen Album läuft aber etwas zu sehr unter dem Radar. Als Hintergrundstücke für die Taktikgefechte sorgen sie zwar für eine passende, aber unaufgeregte Atmosphäre. Genre-Genossen wie die SpellForce-Reihe hauen hier deutlich mehr auf die Pauke, wohingegen Vollblut-Strategiespiele wie Heroes of Might and Magic V zeigen, wie sich Rundenkämpfe und Spielweltbegleitung orchestral in Szene setzen lassen. Buttinger bleibt hier bei einem simpleren Ansatz, der funktioniert, aber nicht brilliert.