Humankind

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Humankind

Komponist*innen: Arnaud Roy, FlybyNo

3,5 / 5

Ein kurzweiliges Kapitel

Das Rezept für ein gelungenes Spiel ist einfach: Es muss Spaß machen. Da Spaß subjektiv ist, wird diese einfache Rezeptur jedoch schnell auf die Probe gestellt und viele Spiele scheitern an dieser simplen Hürde. Schenkt man den Rezensionen Glauben, bereitet das 2021 erschienene Humankind der französischen Amplitude Studios durchaus Vergnügen. Es baut auf denselben Mechanismen auf wie der Platzhirsch Sid Meier’s Civilization, ist weniger überkomplex als Old World und sieht mit seinem realistischeren Look zudem sehr ansehnlich aus.

Dennoch war diesem 4X-Game nicht der Erfolg vergönnt, den ich ihm gewünscht hätte. Grund dafür sind mehrere Faktoren, der wichtigste: Humankind macht einiges anders als Civilization. Anstatt eine Zivilisation von der Steinzeit bis in die Moderne zu führen, wählen Spielende beim Eintritt in eine neue Epoche eine neue, zeitgenössische Kultur. Das Fan-Wiki beschreibt den Prozess wie folgt:

Kombiniere bis zu 60 historische Kulturen, während du dein Volk von der Antike bis in die Moderne führst. Beginne als bescheidener Nomadenstamm, gehe als Babylonier in die Antike über, werde zu den Mayas der Klassik, zu den Umayyaden des Mittelalters, zu den Spaniern der Frühen Neuzeit und so weiter. Jede Kultur fügt dem Spiel eine eigene, besondere Ebene hinzu, was zu nahezu unendlichen Spielverläufen führt.

Das klingt zwar nach Marketinggerede, ist allerdings eine ebenso spannende wie naheliegende Idee für die realitätsnahe Darstellung der Menschheitsgeschichte, der sich Humankind verschrieben hat. Leider führte gerade diese Beliebigkeit dazu, dass man sich nicht mit der eigenen Zivilisation verbunden fühlt. Aus Erfahrung kann ich sagen: In Civilization VI ist es mir egal, ob ich als Theodore Roosevelt noch vor der Erfindung des Rads die Pyramiden von Gizeh errichte oder ob Gandhi mit Atomwaffen um sich wirft. Es ist ein Spiel, dessen Absurdität einen großen Reiz ausmacht.

Dennoch ist Civ nicht simpel. Es bleibt trotz seiner Komplexität deutlich zugänglicher als beispielsweise die als Spiele getarnten Excel-Listen von Paradox Interactive. Wenn man eine Hardcore-Simulation möchte, hält man sich eben an Europa Universalis, Hearts of Iron oder Crusader Kings. Zweifellos befassen sich diese Titel nur mit einem kleineren Ausschnitt der Weltgeschichte, gehen dafür aber deutlich mehr in die Tiefe. Humankind setzte sich mit seinem Ansatz also genau zwischen die Stühle. Ironischerweise machte Civilization VII vier Jahre später mit seinen wechselnden Zivilisationen den gleichen Fehler und scheiterte ebenso – hier wurde nicht aus der Geschichte gelernt.

Doch es gab weitere Kritikpunkte an Humankind. Dazu gehörten besonders der überschaubare Langzeitsupport, der zu einem Mangel an Wiederspielwert führte, ein unausgereiftes Balancing sowie Einzelaspekte wie das Religionssystem. Gepaart mit einer KI, die sich einerseits recht unbeholfen anstellte, während sie andererseits nicht den Ressourcenlimitierungen der Spielenden unterworfen war, wurde Humankind nicht zum ersehnten Civ-Konkurrenten. Derzeit dümpelt es auf Steam bei etwa 350 gleichzeitig Aktiven herum. Zum Vergleich: Civilization VII (2025) liegt bei knapp 5.000 und mein geliebtes Civilization VI von 2016 bei 42.000 aktiven Spielenden. Ich kann’s verstehen, das Spiel macht einfach Spaß.

Der Score

So viel der einleitenden Worte. Der Kontext war allerdings wichtig, um meine Bewertung der Musik zu erläutern. Sie stammt von dem Komponisten Arnaud Roy, der auch unter seinem Alias FlybyNo bekannt ist. Der Franzose unterlag bei der Gestaltung des Original Soundtrack somit denselben Bedingungen, mit denen Christopher Tin bereits 2020 bei seiner Arbeit für Old World konfrontiert war: Beliebigkeit. Wo Geoff Knorr bei seiner Arbeit für Civ V und Civ VI auf die Klangmotive des jeweiligen Volkes bauen konnte, standen beide Komponisten vor der undankbaren Aufgabe, allgemeingültige Stücke für ihre Scores zu komponieren, die mit jeder Bevölkerungskombination funktionieren.

Das Ergebnis bei Humankind sind 19 Tracks, die für sich genommen ganz gut klingen – das ist doch schon mal was! Da Roy selbst Harfenspieler ist, kommen in seinen Kompositionen auffällig häufig Zupfinstrumente zum Einsatz, die in Kombination mit den Chören ein antikes, mediterranes Flair erschaffen. Stücke wie OraclesFlybyNo, Arnaud RoyHumankind3, Conquered LandsFlybyNo, Arnaud RoyHumankind4 und besonders The Myrtle GardensFlybyNo, Arnaud RoyHumankind3 klingen dadurch nach der Art von Musik, die man in einer Dokumentation über die Römerzeit erwarten würde. Sie gliedert sich somit nahtlos in die Klangkulisse von Spielen wie Titan Quest oder den frühen God of War-Teilen ein.

Dieses Gefühl wird in De Vita ContemplativaFlybyNo, Arnaud RoyHumankind3 durch Soundeffekte wie Wasserrauschen noch verstärkt. Dem gegenüber stehen Mandate of HeavenFlybyNo, Arnaud RoyHumankind4 und Jo Ha KyuFlybyNo, Arnaud RoyHumankind3 als Vertreter asiatisch anmutender Klangwelten. Bei den weiteren Liedern bleibt Roy dem eingeschlagenen Kurs stilistisch treu, fügt jedoch unterschiedliche Elemente hinzu: Streicher oder Trommelwirbel lassen Hidden SoulFlybyNo, Arnaud RoyHumankind3, PastoraleFlybyNo, Arnaud RoyHumankind3, SignsFlybyNo, Arnaud RoyHumankind4 und EudaimonesFlybyNo, Arnaud RoyHumankind4 dezent kolonialer erscheinen, was diese Stücke in die Nähe von Spielen wie Empire: Total War oder Victoria II rückt. Die vermeintlichen Kampf-/Actiontracks Battle of QadeshFlybyNo, Arnaud RoyHumankind3, MercuryFlybyNo, Arnaud RoyHumankind4 und Under InvasionFlybyNo, Arnaud RoyHumankind4 – dessen Anfang mich ein wenig an das Battlefield-Theme erinnert – sind durch die treibenden Trommeln moderat spannender und lassen Ähnlichkeiten zu Roys Kompositionen für andere Spiele der Endless-Reihe wie Endless Space oder Endless Legends erkennen, die er für die Amplitude Studios schuf.

Die Hürde für eine volle Punktzahl bewältigt nur ein Titel des Humankind-Albums: Amongst the MightyFlybyNo, Arnaud RoyHumankind5. Dessen Kombination aus Streichern und Gesang ist motivierend, bewegend und eifert dem Geist vom Civ VI-Eröffnungssong Sogno di Volare (The Dream of Flight)Christopher TinSid Meier’s Civilization VI5 nach. Für mich liegt Arnaud Roys Version zwar etwas unter der Klasse von Christopher Tins Werk, verachtenswert ist sie deshalb aber nicht. Anders sieht es beim Main Theme HumankindFlybyNo, Arnaud RoyHumankind4 aus, das auf ähnliche Weise für Stimmung sorgt, jedoch nicht die Klasse der beiden erreicht. Die Faszination von Videte GigantemFlybyNo, Arnaud RoyHumankind4 und Deus Ora MovetFlybyNo, Arnaud RoyHumankind4 liegt derweil im Einstieg, die einer kirchlichen Litanei gleichen, bevor die Stücke zur Mitte der Laufzeit den Bogen in Richtung eines imperialistischen Militärmarschs schlagen – spannend!

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Fazit

Das Album macht vieles richtig und abschnittsweise auch Spaß. Doch genau wie das Spiel messe ich auch die Musik an der Meisterleistung, die mit Civilization VI abgeliefert wurde. Und hier gibt es zwei markante Unterschiede: Der Score von Humankind erzählt keine Geschichten – er erzählt eine Geschichte. Die Geschichte unserer Vorfahren, die wir zuhauf aus Film und Fernsehen kennen. Der Score fügt ihr aber keine Facetten hinzu, bricht nicht aus dem Bekannten aus. Er bleibt erwartbar.

Gleichzeitig wirkt die Musik stark in gängigen Antike-Tropen verankert; fast die Hälfte des Albums atmet den Geist dieser Epoche. Für ein Spiel mit dem Anspruch, die Menschheitsgeschichte in ihrer Gesamtheit abzubilden, ist das zu wenig. Diesen Kritikpunkt könnten die 62 Tracks des Music for the Ages-Bundles entschärfen, in die ich noch reinhören muss. Für den Original Soundtrack verbleibe ich wertungstechnisch bei einer wohlwollenden 3+ und dem Gefühl, dass hier mehr möglich gewesen wäre.

01
Humankind
FlybyNo, Arnaud Roy
4 04:52
02
Oracles
FlybyNo, Arnaud Roy
3 04:30
03
Hidden Soul
FlybyNo, Arnaud Roy
3 05:46
04
Pastorale
FlybyNo, Arnaud Roy
3 04:46
05
The Myrtle Gardens
FlybyNo, Arnaud Roy
3 04:44
06
Battle of Qadesh
FlybyNo, Arnaud Roy
3 01:49
07
Videte Gigantem
FlybyNo, Arnaud Roy
4 05:24
08
Signs
FlybyNo, Arnaud Roy
4 04:01
09
Astrea Fled
FlybyNo, Arnaud Roy
4 04:43
10
Mandate of Heaven
FlybyNo, Arnaud Roy
4 06:38
11
Eudaimones
FlybyNo, Arnaud Roy
4 04:01
12
Conquered Lands
FlybyNo, Arnaud Roy
4 03:47
13
Deus Ora Movet
FlybyNo, Arnaud Roy
4 05:14
14
Amongst the Mighty
FlybyNo, Arnaud Roy
5 04:49
15
Mercury
FlybyNo, Arnaud Roy
4 05:39
16
De Vita Contemplativa
FlybyNo, Arnaud Roy
3 06:01
17
Under Invasion
FlybyNo, Arnaud Roy
4 03:20
18
The Thyiads Circle
FlybyNo, Arnaud Roy
3 05:14
19
Jo Ha Kyu
FlybyNo, Arnaud Roy
3 03:22

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