Darksiders
Licht und Dunkelheit
Eigentlich sollte die Geschichte rund um Darksiders die gleiche sein, die wir von Franchises wie The Boys, The Walking Dead oder Invincible kennen: eine Comicbook-Reihe, die schon lange in irgendeiner Subkultur gefeiert wurde, dem Mainstream aber bis zur Adaption als Spiel oder Film/Serie gänzlich unbekannt war. Doch Darksiders vom Studio Vigil Games ist ein Franchise, das seinen Ursprung in Videospielform fand, ganz klassisch, ganz unspektakulär. Und trotzdem erwartet man aufgrund des stilsicheren Comic-Looks und des christlichen Unterbaus fast schon einen riesigen Kosmos, der einem als Spieler*in mangels Vorwissens verwehrt bleibt.
Zumindest wäre das eine Erklärung, warum es mir damals so schwerfiel, der Story zu folgen, die von vielen Spielenden gelobt wird. Was ich noch weiß, ist, dass wir War (zu Deutsch „Krieg“) spielen, der als einer der vier Reiter der Apokalypse auf die Erde entsandt wurde, um seinen Ruf reinzuwaschen. Denn irgendwie soll er für den Untergang der Menschheit verantwortlich sein. Während seines Abenteuers tauchen diverse weitere Gestalten aus dem christlichen Glauben auf, die ihm entweder dabei helfen oder sich als fiese Bosse in den Weg stellen. Das Ganze wiederholt sich in ähnlicher Form in den Nachfolgern, in denen wir einen der anderen drei PS-Recken steuern.
Allerdings ist nur die Story das verbindende Element, folgt doch jedes der Spiele einem anderen Gameplay-Ansatz. Während sich Darksiders II wohl am ehesten als eine Art Diablo sieht, ist das erste Darksiders ein Action-Adventure im Metroidvania-/Zelda-Stil. Wir bekommen u
Allerdings ist nur die Story das verbindende Element, folgt doch jedes der Spiele einem anderen Gameplay-Ansatz. Während sich Darksiders II wohl am ehesten als eine Art Diablo sieht, ist das erste Darksiders ein Action-Adventure im Metroidvania-/Zelda-Stil. Wir bekommen in seinem Verlauf also neue Waffen und Fähigkeiten, die uns Zutritt zu neuen Bereichen ermöglichen. Als Spielwelt dient das ruinierte New York, dessen Einwohnerschaft vor über hundert Jahren bereits das Zeitliche gesegnet hat – wobei ‚gesegnet‘ wohl eher nicht zutrifft, laufen ein paar der Big-Apple-Bewohner doch als dämonische Brut umher, die wir mit unserem Schwert Chaosfresser blutig filetieren.

So schnetzeln wir uns durch die Postapokalypse und versuchen, den Grund für den Weltuntergang zu finden. Das sah damals verdammt geil aus und die Grafik ist wegen ihres Artstyles vergleichsweise gut gealtert. Noch einmal würde ich Darksiders vermutlich trotzdem nicht spielen, obwohl es 2016 sogar eine Warmastered Edition gab. Gleichwohl lkann ich eine Empfehlung für Nichtkenner und Fans des Hack-and-Slash-Gameplays im Stil der frühen God of War-Spiele aussprechen.
Der Score
Nicht nur optisch hat der Serienauftakt einiges zu bieten. Der Directors Cut, wie der Original Soundtrack auch genannt wird, wurde auf allen gängigen Plattformen releast und umfasst 36 Tracks auf zwei CDs von den Herren Cris Velasco (der häufig fälschlicherweise „Chris“ geschrieben wird), Michael Reagan und Scott Morton. Jeder aus dieser Riege an Musikmachern hatte auf die ein oder andere Weise Kontakt mit ‚göttlichen‘ Videospielreihen, sei es Morton mit Titan Quest oder Reagan und Velasco, die zusammen an den oben benannten God of Wars mitgewirkt haben. Besonders Letztgenannter hat hierbei einen Stein bei mir im Brett, sorgte er doch zusammen mit Sascha Dikiciyan für den fantastischen Score von Dark Messiah of Might and Magic.
Mit Blick auf die Erfahrungen der Musiker und den überirdischen Konflikt in Darksiders dürfte die Marschrichtung der Musik für das Endzeitgemetzel klar sein: Epik. Hierbei offenbart sich jedoch schnell eine stilistische Demarkationslinie zwischen Velasco und Reagan als Krawallbrüder auf der einen, und Morton als Mann fürs Sinnlichere auf der anderen Seite. Gehen wir zunächst auf die Action-Tracks ein, die man einerseits an Namen wie „Battle with“ erkennt, und eben an den Interpreten.
Velasco und Reagan bleiben im Score zu Darksiders ihrer Vorliebe für wuchtige Percussions und treibenden Klänge treu, die, gerne mit Streichern kombiniert, den übermenschlichen Konflikt heraufbeschwören. Um die Trennung zwischen Götterklopper Kratos und Hobbyhorser War zu unterstreichen, lehnt sich dieser Score mehr ins Fantastische und lässt die mediterranen Einflüsse von God of War hinter sich. Dort wie hier wird zudem auf die Implementierung eines Chores gebaut, der in diesem Fall aber die düsteren Männerstimmen auch mal in die Höhe schnellen lässt oder durch weibliche Vocals ergänzt.

Das wird direkt zu Beginn im Theme Darksiders deutlich. Dessen düsterer Einstieg wird anfangs durch den Gesang eines einzelnen Kindes (?) überlagert, was ein wenig an den Anfang von Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt erinnert. Bald schon stimmt der Chor ein, der die Epik nach oben schraubt. Ein wenig klingt das nach Tyler Bates Score für 300, was ja wiederum nach God of War klingt … ihr versteht, was ich meine.
Bei meiner Recherche für den Score bin ich derweil auf den Blog vaguely-offensive.com von David Altman gestoßen. Wie ich besitzt dieser ADHS-Avancierer neben einem gesteigerten Konsum- und Sammeltrieb eine Webseite über seine (kritischere) Meinung, die wohl nur ihn selbst und eine ausgewählte Zahl Leute interessieren dürfte. Dort postete er eine Review über den Darksiders-Score, die wunderschön die Bedeutung von persönlichen Präferenzen und Geschmack unterstreicht. Was ich lobend hervorhebe, beschreibt er wie folgt:
Das Problem lässt sich meiner Meinung nach schon ganz am Anfang erkennen, bei „Darksiders Theme“. Denn ich konnte überhaupt kein Thema erkennen, oder das Thema ist so allgemein gehalten, dass es sich nicht von einer Vielzahl ähnlich klingender Kompositionen abhebt. Wenn es also bei Filmmusik darum geht, ein Thema auszuwählen und dann hauptsächlich Variationen dieses Themas zu spielen, scheitert dies daran, dass nur Variationen auf leerem Raum gespielt werden.
[…] einige Gesänge, einige hämmernde Trommeln, einige Streicher, die zu weiteren Streichern und Hornlinien übergehen. Es ist reine Hintergrundmusik; es ist jede Filmmusik von jemandem in einer Nicht-Kriegs-, nicht-westlichen Umgebung, der heldenhaft in eine Schlacht marschiert. Das ist wohl auch so, wie es sein sollte: Es soll nur vage an etwas erinnern, aber nicht vom Spiel ablenken.
[…] Deshalb landen wir bei einer 2 von 5 – es ist eine kompetente Arbeit, die hier und da etwas angemessene Schwungkraft aufbaut, aber sie würde mir beim Spielen nicht auffallen und tut nichts weiter, als als Hintergrundgeräusch zu dienen, selbst wenn ich sie direkt in meine Ohren stecke.
Rezension von David Altman auf vaguely-offensive.com
Dass es wohl doch ein Motiv gibt, zeigt diese musikalische Analyse von Smehur, die darüber hinaus beweist, dass ich wirklich wenig Ahnung von der Materie habe. Egal, Geschmäcker sind verschieden, und was mir gefällt, muss ja nicht allen anderen zusagen. Machen wir also weiter!
Da ich großer Fan vom Dark Messiah of Might and Magic-Score bin, springen mir ähnliche Töne wie das anarchistische Chaos Eater oder das an Combat (Fire in the Blood) gemahnende Mayhem direkt ins Ohr. Prachtstück der Kampftracks bleibt für mich jedoch das ätherisch klingende Battle with Abaddon, das durch seinen Gegensatz aus Engels- und Männerchören, überlagert durch den Gesang aus dem Theme, den Kampf zwischen Himmel und Hölle, Gut und Böse, gekonnt unterstreicht.
Generell schaffen es die Komponisten, die Szenerie trotz überschaubarer Soundspitzen des Orchesters divers auszugestalten. Was meine ich damit? Schauen wir uns mal Earth Caller an. Ich habe keine Ahnung, wann, wo und warum dieser Track gespielt wird, doch allein der Name verrät, dass es um etwas Bodenständiges, Urtümliches geht. Dies unterstreicht der dazugehörige Track durch tiefe Töne und einen beständigen Beat. Herzstück hier sind die Bläser, die eine Herr der Ringe-artige Bedrohlichkeit erzeugen.
Was Altman in seiner Rezension als die „generischsten Klangstücke“ bezeichnet sind meine anderen Highlights des Scores, komponiert von Scott Morton. Wie eingangs erwähnt liefert der die empfindsameren und weniger brachialen Tracks des Scores, wie das gruselige Strange Moment oder wehklagende Vulgrim. Die sind zwar cool, gefallen mir jedoch nicht ganz so wie seine anderen Streicherstücke: Eden ist gefühlvoll, schwermütig und traurig, die perfekte Untermalung für ein entrücktes Paradies – gesteigert nur in dessen Untergang in Flight Over Ruined Eden. Wundervoll!
Ein wenig actionreich wird es dann in War’s Theme und Flight Path, die an Hans-Zimmer-artiges Popcornkino erinnern – zumindest hier stimme ich mit dem Mitkritiker überein. Anders als er würde ich den Score jedoch mehr als nur „kompetent“ nennen. Die Musik von Darksiders ist herausnehmend gut für einen Score von 2010, der in einem Umfeld großer anderer Werke entstanden ist. Was ihm an Identität fehlt, macht er durch Opulenz wett. Die Dualität aus grandiosem Bombast und wehmütiger Bedrückung funktioniert hervorragend, weshalb es von mir eine absolute Hörempfehlung gibt.
- Auch enthalten in: Darksiders II
- Auch enthalten in: Darksiders [Director’s Cut]
- Auch enthalten in: BioShock 2 (Songs from the Lighthouse)
- Auch enthalten in: Prince of Persia: Warrior Within
- Auch enthalten in: Thief: The Dark Project
- Auch enthalten in: Hextech Mayhem – A League of Legends Story
- Auch enthalten in: The Chronicles of Riddick: Escape from Butcher Bay
- Auch enthalten in: Darksiders III
- Auch enthalten in: Kingdoms of Amalur: Reckoning
- Auch enthalten in: The Elder Scrolls IV: Oblivion
- Auch enthalten in: Age of Mythology




