Long Live the Queen
Niedlich getarntes Hardcore-Spiel – brutal, clever und überraschend fesselnd, wenn man Geduld mitbringt.
And may her reign never end (for too long)
Jetzt kommt ein Spiel, von dem ich wohl selbst nie geglaubt hätte, dass ich es spielen würde: Long Live the Queen. Ein Visualnovel im Mangastyle, das von der jungen Prinzessin Elodie handelt, die sich nach dem Tod ihrer Mutter auf ihre Regentschaft vorbereitet. So weit so belanglos. Warum hatte ich diesen Schrott also plötzlich auf meinem Steam-Account? Schuld war ein guter Freund, der mich herausforderte, „es doch mal zu spielen und zu schauen, wie weit ich kommen würde.“ Eine Herausforderung? „Ein Rollenspiel für Kinder“, dachte ich mir und war der Auffassung, in ein paar Minuten damit fertig zu sein.

Tag 1: Wie es begann

Ich startete also ins Spiel. Der Ablauf ist dabei recht simpel: Jeden Tag müssen wir festlegen, welche Disziplinen Elodie die Woche über übt, um sich auf die kommenden Ereignisse vorzubereiten. Kaum im Menü wurde ich fast erschlagen von Kategorien, die ich trainieren konnte. Wie in einem Pen-and -Paper-Fähigkeitenbaum konnte ich jeden nützlichen und, wie ich fand, unnützen Mist erlernen. Was sollte mir ‚Gelassenheit‘ bringen. Oder ‚Buchführung‘? Klar, als Regentin alles irgendwo sinnvoll, aber muss man wirklich alles können?
Wie aus Rollenspielen gewohnt entschied ich mich also für einen Mix aus körperlichen und intellektuellen Talenten und klickte mich halb belustigt, halb gelangweilt durchs Abenteuer. Immer wieder kamen Entscheidungen, bei denen ich nur raten konnte, was Long Live the Queen von mir wollte. Und ich freute mich jedes Mal, wenn ich meine gesteigerten Fähigkeiten einsetzen konnte. Natürlich nur als Handlungsoption in Textfenstern, selber gespielt wurde ja nicht.
Irgendwann geriet dann die Kutsche, mit der Elodie auf dem Weg zu einem Prinzen eines benachbarten Königreichs war, um eine vielversprechende Allianz zu schmieden, in einen Hinterhalt. Dabei traf meine Schützlingin ein Pfeil in die Schulter. Was jetzt? Hätte sie medizinisches Wissen oder Bogenschießen gekommen, wäre der angehenden Königin klar gewesen, was sie mit dem Pfeil nicht tun sollte. Hatte sie aber nicht. Also schob sich Elodie das Projektil weiter in den Körper, damit es auf der anderen Seite wieder herauskam – logisch. Dieses fragliche Manöver wurde dann prompt mit dem Game-Over-Screen quittiert. Ernsthaft? Ich hatte verloren? In diesem Kackspiel?

Tag 2: Wie es endete
Nächster Versuch, dieses Mal etwas breiter gelevelt. Nun fehlte mir die Spezialisierung, um den Hofstaat von meiner königlichen Autorität zu überzeugen. Resultat: Unzufriedener Pöbel, Revolution, Exekution. Alter! Nächster Versuch. Geil, Magie ermöglicht ziemlich coole Sachen … wieder was gelernt. Und das Level-System ist ja auch vielschichtiger als gedacht… die Laune von Elodie beeinflusst, was sie besonders effektiv trainieren kann. Wieder was gelernt. Wieder gescheitert. Neustart.

Am Ende waren es glaube ich zwei Sessions, die ich mit dem Spiel gerungen habe, bis ich endlich die wohl verdienten „Long Live the Queen“-Jubelrufe sehen durfte. Und das auch nur, weil ich herausfand, dass man das Spiel auch speichern konnte. Blöd von mir, aber wer rechnet denn damit, dass das so schwer wird? Klar, es ist nur eine kurze Spielerei, und wenn man den Verlauf der Story kennt, kann man sich relativ gezielt auf die Wendepunkte vorbereiten. Aber die vielen Kombinationsmöglichkeiten geben einen super Wiederspielwert, und für das wenig Geld hat man ein paar echt schöne Stunden.
Fazit
Long Live the Queen ist ein hinterhältig kluges kleines Rollenspiel, das seine Spieler*innen bewusst in falscher Sicherheit wiegt. Hinter der niedlichen Manga-Optik verbirgt sich ein gnadenloses System aus Statistikchecks, Event-Ketten und Fehlentscheidungen, das Unwissen konsequent mit dem Tod bestraft. Der komplexe Skilltree ist zugleich größte Stärke und größte Schwäche: Er eröffnet enorme Freiheit und Wiederspielwert, wirkt aber anfangs überladen und schlecht kommuniziert. Spielerische Tiefe entsteht ausschließlich im Kopf – wer mit viel Text, Trial-and-Error und häufigen Neustarts nichts anfangen kann, wird frustriert abbrechen. Wer sich jedoch darauf einlässt, erlebt ein überraschend spannendes Machtspiel um Erziehung, Politik und Überleben.